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Leinen los in Dänemark, aber noch kein Ziel
Natürlich beginnt dieser Urlaubstörn, wie alle anderen vorher auch, lange Zeit bevor zum ersten Mal die Festmacher eingeholt und Segel gesetzt werden. Gedanken fangen im Kopf an zu kreisen, sich zu festigen, Erinnerungen an frühere Unternehmungen spielen eine Rolle. Im Jahr zuvor war ich zum ersten Mal länger als nur ein Wochenende allein mit dem Boot unterwegs. Jetzt reizte mich eine Wiederholung mit Verlängerung. Genau 17 Tage war mein Zeitpolster dick. Genauer gesagt müßte es heißen dünn. Es waren zudem die einzigen Tage, die mir in diesem Jahr mit dem Boot (auf dem Wasser) vergönnt waren.
So lautete denn der Grundsatz bei meiner Planung schlicht und einfach:
Ich will segeln.
Inmitten der angehäuften Vorräte, Sorgen und Nöte im Nacken, wie z.B. Aufgabe des alten Arbeitsplatzes, Wohnungssanierung, Existenzgründung, versuchte ich am letzten Abend vor der Abreise, so etwas wie eine Törnplanung aufzubauen und steckte mir ein paar mögliche Routen ab. Letztlich zog ich dann aber eine gänzlich andere Spur.
Erwähnenswert ist der Umstand, daß ich mir in diesem Jahr erstmals das Boot mit einem segelbegeisterten Freund teilte. Fünf Wochen segelte er jetzt schon, mit und ohne Familie, erlebte den Rest der Starkwind-Phase dieses Sommers und übergab mir die Shark in Aabenraa, ca. 30 km nördlich von Flensburg. Für mich, der sehr gerne im Norden unterwegs ist, eine wundervolle Ausgangsposition.
Nach abendlicher Ankunft, durchzechter Nacht, Automobil- und Segelboot-übergabe am Morgen beginne ich Proviant zu stauen, Lasten zu trimmen, bevor ich am Nachmittag endlich in See steche.
Viel habe ich mir für diese ersten Stunden unter Segeln nicht vorgenommen, will vor allem erst einmal mein Gefühl für Boot, Wind und Wellen wieder gewinnen. Es fällt mir auch überhaupt nicht leicht die 4 Bft zu akzeptieren. Südost. Es bläst genau in den Aabenraa Fjord hinein. Nicht gerade das, was ich mir für den Beginn gewünscht hätte. Das Setzen des Großsegels ist da schon eine ernste Aufgabe. Die auflaufende Welle bringt ordentlich Bewegung ins Boot. Geschafft! Für den Anfang nicht schlecht. Für eine Weile genügt mir dieses eine Segel, und ich entspanne ein wenig. Mache mich dann an die Arbeit, die kleine Fock (4qm) anzuschlagen. Fertig, ”Hol das Fall”. Verdammt, warum stimmt der Holepunkt nicht? Ja, wo hängt eigentlich das Schothorn? Es kostet mich tatsächlich ein paar Sekunden, bis ich begreife, das Segel verkehrt herum gesetzt zu haben. Erst Lachen, dann das Ganze noch einmal von vorn beginnen. Vielleicht hat es außer der Sonne niemand beobachtet, und wenn schon. So peinlich wie es ist, ein witzigeres Manöver habe ich noch nie gemacht.
1,5 Stunden später, die Zeit wird mir doch etwas lang, übe ich einen Vorsegelwechsel. Traveller nach Lee, Pinne arretieren, Schot etwas fieren, mit gelöstem Fall zum Bug laufen und das Segel auffangen. Stagreiter lösen, Hals und Schothorn abschlagen, das Päckchen in die Kajüte bringen. Mit dem neuen Tuch zurück, anschlagen, Holepunkte verschieben – “Hol das Fall! Hol dicht die Schot”! Ich bedanke mich bei “Fibula” und übernehme wieder Pinne und Travellerschot. Die ganze Zeit über hat das Boot zuverlässig seinen Kurs gehalten, sich von Wellen und Geturne an Deck nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ganz prima, das gibt Zuversicht. Der Abend wird (auch) ganz ruhig und still. Am 9. August feiere ich meine erste Nacht auf dem Wasser. Die 6 Meilen haben mir vollauf genügt, für heute.
Viel Sonne, wenig Wind
Sonntag. Vom Anker komme ich noch gut weg, doch nur wenig später beginnt meine erste Geduldsprobe: Flaute. Vertrieben und Verdreht von Strömung und gelegentlichem Windhauch bekomme ich wegen des Dunstes Probleme mit der Orientierung, ein fast vergessenes Gefühl. Ich lege ein zweites Frühstück ein und bin so motiviert, mich um das Echolot zu kümmern. Durch Schräglage kann kein Öl ausgetreten sein. Das diffuse Bild wird wohl ein anderes Leck als Ursache haben. Sauge mittels Papier den Rest Öl ab, entfette mit Aceton und versuche, mit Sikaflex die Abdichtung zu verbessern.
Nach zweistündigem Trocknen und der Neubefüllung (fast tut es mir leid um das schöne Olivenöl), habe ich wieder den alten zuverlässigen Partner an der Seite, wenn ich mich nach der Distanz zum Grund erkundigen will.
Am Nachmittag macht sich der Wind wieder rar. Ich sichte eine kleine Schule Zwergwale, deren Finnen dank des glatten Wassers gut auszumachen sind. Mit Ausdauer erreiche ich die Insel Torö. Ein kaum wahrnehmbares Stückchen Erde, das sich bei Assens an die Insel Fünen schmiegt. In Lee der Nordküste lege ich mich hinter meinen Anker. Gegenüber, nur eine knappe Meile entfernt, liegt, wie in der Karte eingezeichnet ein kleiner Frachter. Rostig und mit Schlagseite, nur halb aus dem Wasser ragend, ist er als Wrack ein wirkungsvoller Kontrast zum weiß leuchtenden Kraftwerk dahinter.
Die Reise beginnt
Beim Abschied nehmen in Aabenraa meinte mein Segelpartner, ich solle doch bitte, käme ich nach Anholt, diese Insel von ihm grüßen; hatte auch, von mir belächelt, die Seekarten für Kattegat und Skagerag mit an Bord genommen, damals in Rostock. Nun hatte ich einen Floh im Ohr.
Die Seekarte bezeichnet eine kleine Fläche Land mitten im Kattegat mit diesem Namen. Von einer wunderschönen Fläche offener See umgeben, liegt sie mächtig weit von meiner jetzigen Position und meinem Heimathafen entfernt. Angeblich solle Anholt des Seglers Mekka sein, so hatte ich irgendwann einmal gehört. Jetzt war ich schon so weit nördlich, und es bot sich mir eine vielleicht einmalige Chance. Bei allem Respekt vor den Distanzen, aber es sollte doch irgendwie zu schaffen sein, auch wenn es “nur” eine Shark ist, 30 Jahre alt, mit mir allein an Bord. Nun also war ich fest entschlossen, trotz unsteter Winde und nur 23 bis jetzt zurückgelegter Meilen: Ich will nach Anholt!
Gut motiviert hatte ich noch vor acht Uhr den Anker gestaut, im grauen Morgen beide Wracke gegrüßt und die Segel für die Kreuz nach Norden getrimmt, immer dicht an Fünens geschwungener Westküste entlang. Nach nur 13 Meilen breitet sich die Mittagsflaute aus. Die allermeisten Konkurrenten haben längst den "Unterwasserbesan” gesetzt. Den letzten noch Segelnden lasse ich in die Mitte des Sees fahren und komme gerade noch in die Nähe des Ufers, bevor sich alles Kräuseln in eine gänzlich glatte Wasserfläche auflöst.
Die Sonne brennt, die Stille drückt nicht minder. über dem Land entwickelt sich Bewölkung. Das Barometer steht hoch. Noch sehe ich eine leichte Spur als Kielwasser achteraus wandern, leise und allmählich. So schlaff wie sie auch aussehen, die Segel scheinen Vortrieb zu liefern und das Boot bleibt zumindest zeitweise auf Kurs. Ich sitze in der Kajüte und pule Erbsen aus Schoten. Später, als mein Essen auf dem Herd steht, finde ich sehr dicht am Strand den ersehnten Wind, dazu das Zwitschern der Vögel und der Geruch der Vegetation - ein wunderbarer Moment, in dem mich die Lust packt, den Fuß an Land zu setzen, es sind ja nur ein paar Meter. Aber der Wind wird steter, bald rauscht es wieder um das Schiff, und auf einmal überstürzt sich alles. Das Radio “weckt” für den Deutsche-Welle-Wetterbericht (wichtig wegen der 5-Tage-Vorausschau), der Kurzzeitwecker erinnert an das Ablaufen der Garzeit von Nudeln und Gemüse, der Himmel bezieht sich mit einer dicken Wolke, die zur Vorsicht mahnt, erste Tropfen fallen. Ich hole flugs die Genua herunter und begnüge mich mit dem Vortrieb, den das Großsegel produziert, gieße den Regentropfen das Wasser aus meinen Kochtöpfen hinterher und nehme mit dem Radio in der Hand (die Öljacke schnell übergestreift) meinen Platz an der Pinne ein, denn “traditionell” kommt mir wieder ein Segler entgegen. Zum Glück wartet die Bö mit ihrem Einsatz auf das Ende meiner Lieblingsradiosendung. Leider war der Empfang spärlich, meine einhändigen Notizen auch. Aber soviel scheint sicher: Morgen gibt es Wind: 6 bis 7 Bft. aus Nord.
Die Sicht ist gerade gut genug, damit ich ins Grübeln geraten kann, warum wohl die 2 Meilen voraus sichtbare große Marina nicht auf der Karte zu finden ist. Natürlich! In der Mittagsflaute vergaß ich vollkommen mich umzustellen, entgegen meiner am Morgen gefaßten Absicht bin ich jetzt auf dem Weg in den Fänö Sund.
Der Regen verliert sich, der Wind bleibt frisch. Alsbald ist die Genua (2) wieder gesetzt, die Schoten dicht und das Boot am Wind. Praktisch ist es nun so, als würde ich durch eine Schlucht segeln. Die Ufer stehen dicht zusammen und sind bis an den Rand des steilen Ufers mit hohen Buchen bewachsen. Der Regen hat eine herzliche Frische hinterlassen, die nicht nur die Vögel zum Jubeln bringt. Auch mir lacht das Herz! Endlich kann ich mich wieder “austoben”, stemme mich gut gelaunt gegen Strom und Wind. Rasch folgt eine Wende der anderen, in der Pantry wird das lose Geschirr gemischt.
Schneller als ich dachte, gelange ich aus dem “Wald” auf das “offene Feld”, falle ab und laufe, halb im Gleiten, in das Snaevrig Fahrwasser ein. Das ist ein stark gekrümmter Sund, enge Nahtstelle zwischen Jütland und Fünen. Laut Handbuch sollen beträchtliche Strömungen auftreten. Die dicken Pfeile in der Stromkarte zeigen gegen mich und verursachen Unbehagen. Das wird wohl meine erste Flußfahrt werden. Zunächst wird aber Malzeit gehalten. Meine Leistung als Smutje stimmt mich genau so froh wie das Resultat meiner Arbeit an den Schoten. Während des Essens überhole ich wie nebenbei eine Bavaria 44, ein Charterschiff dessen Besatzung nicht genug motiviert ist , um auch das Großsegel auszurollen.
Dicht am westlichen Ufer ist zwar Windschatten, aber die Strömung ist aufgehoben. Seelenruhig folgen Boot und Mannschaft der Krümmung des Snaevringen. Der Wind fällt etwas vorlicher ein, bald werde ich dem Beispiel der vorausfahrenden Segler folgen und auf die Kreuz gehen müssen. In der Hoffnung auf Neerstrom, steuere ich die Westseite der zweiten, größeren und moderneren Brücke an. Das bringt Erfolg, doch muß ich aufpassen, in den Verwirbelungen im Schatten des Pfeilers nicht die Kontrolle über das Boot zu verlieren. Doch alles geht glatt und niemand beschwert sich, obwohl ich auf der “falschen” Seite fahre. Hoch am Wind quere ich das Fahrwasser, erwische dicht am nördlichen Ufer wieder den Neerstrom, komme in den Genuß plötzlicher Beschleunigung und habe im Nu das letzte Kap gerundet.
Fredericia an Backbord, sichte ich die Finne eines Zwergwales und stecke mir den Kurs für die letzten 10 Meilen bis zum heutigen Ankerplatz ab. “Fibula” geht mit flotter Fahrt über die See und nach etwa zwei Stunden habe ich den Bereich der “letzten Meile” erreicht.
Ebenso wie die “erste Meile”, kostet sie mich erheblich mehr Zeit, als einer mehrköpfigen Crew. Mit langsamer Fahrt (nur unter Großsegel), um sorgfältige Navigation bedacht, wird das Schiff über den Ankergrund gebracht. Fast im Wind stehend, Großsegel niedergeholt und aufgetucht, treibt das Boot achteraus, manchmal dreht es auch selbständig vor den Wind. Vorsegel noch einmal gesetzt, dann das Eisen vom Heck aus weggefiert. Je nach Wassertiefe die Leine nach 10 bis 20 Metern abgestoppt und belegt. Hält der Anker, Leine zum Bug tragen und belegen, Reitgewicht ausbringen und das Boot in den Wind schwingen lassen. Vorsegel abschlagen, Ankerball bzw. Licht oder beides installieren, Leinen aufschießen die Kajüte in Ordnung gebracht. 20 Uhr, letzter Logbucheintrag. Hier erst, üblicherweise nach einer vollen Stunde, endet meine “Letzte”, heute die von 35 gesegelten Meilen.
Tanzen auf dem Kattegat
Als der Wecker den Tag einläutet, ist es noch dunkel. Die “erste Meile” beginnt mit Frühstück und Proviantvorbereitung bei Nachtbeleuchtung und Ankerlichten bei Sternenlicht. Später, weil ich wegen der Eile zu groß angefangen hatte, Vorsegelwechsel bei Sonnenaufgang. Es baut sich ein kräftiger Wind auf, glücklicherweise aus Nordwest. So kann ich mit einem kleinen Schrick in den Schoten der Strömung ein schnelles Schiff entgegensetzen.
In der Enge zwischen Tunö und Samsö wird es dann spannend. Um auf der Luvseite des nur 1,5 Meilen breiten Fahrwassers zu bleiben, muß ich maximale Höhe segeln. Gegen einen Wind, der durch den Düseneffekt auf etwa 7 Bft. zugenommen hat und eine hohe steile Welle vor sich hertreibt. Alles kein Problem. Wie selbstverständlich steigt der Shark über die kurzen, grünlich schimmernden Berge, die sich vor ihm auftürmen. Nur ein, zwei mal gabelt der Bug Schaumkronen auf, wirft sie in die Plicht und mir in den Nacken. Machmal scheint es so, als würde das Boot auf dem Kamm der Welle zum Sprung in das Tal ansetzen, den Rumpf wohl bis zur Hälfte aus dem Wasser gehoben. Ein starkes Gefühl der Begeisterung erfaßt mich. Leider machen die häufigen Böen das Steuern schwierig. Nach dem ich dritten ”Sonnenschuß”, beschließe ich das zweite Reff einzubinden. Bei diesem Seegang eine kitzlige Angelegenheit, aber schließlich hatte ich vor einer Stunde Gelegenheit zum Üben. Auch in der Wiederholung gelingt das Manöver und ich kann mich entspannter an der Pinne plazieren.
Jütland liegt an Backbord und erstrahlt in der Sonne das es eine Pracht ist. Ich genieße den Anblick und ziehe meine Linie parallel zur Küste, da ich nicht sicher bin, ob der Wind doch auf Nord dreht. Erst auf Höhe von Grenaa falle ich ab und mache mich an die Überquerung des Kattegat. Für den Fall von Ermüdung hatte ich hier die Möglichkeiten für eine Unterbrechung einkalkuliert. Das tut aber beileibe nicht Not. Ich fühle mich sehr gut, der Tag ist noch lang, die Sonne wärmt und macht mir Lust, weitere 25 Meilen zu segeln. Und was war das für ein herrliches Vergnügen! Mit zunehmender Distanz zur Küste wurde die See sanfter und weicher. Die 6 Bft. aus Nordwest hatten eine lange, bis 2 Meter hohe Dünung aufgebaut, vereinzelt brechen sich Wellen. Bei 60 Grad Höhe am wahren Wind, dwars zur See erreicht der Shark 7 bis 8 kn Speed. Das war schon kein Segeln mehr, das war ein Trance erzeugendes Ballett! Mühelos und mit Esprit schossen wir durch die Wellen, daß es nur so schäumte. Zur Stärkung gab es Butterbrot in Salzwasser eingelegt, aber dennoch war diese Verpflegung wohlschmeckend.

Irgendwann tauchte am Horizont ein schmaler, senkrecht stehender Strich auf – Anholt, der Radarmast, wie ich später erkennen konnte. Meine Wette auf die Ankunftszeit gewann ich, aber nur weil sich beim Vorbereiten zum Einlaufen in den Hafen kleinere Komplikationen einstellten. Das Großfall hatte sich in Folge der Reffvorgänge verklemmt, und überhaupt war es schwieriger, als ich gedacht hatte, in diesem Seegang Festmacher und Fender klarzulegen. Den langen Tag in den Knochen zu spüren machte das Manöver auch nicht leichter.
Der Hafenmeister kam und tauschte einen Beleg, der einer Straßenbahn würdiger gewesen wäre, gegen ein Drittel meiner Bordkasse ein. Seine Zahlbox schluckte meine 125 Kronen, ich meinen Schock und darauf noch ein Bier aus der Last.
Die Pakhusbugt
Am nächsten Morgen: Erwachen ohne Wecker, Baden am Strand, Frühstück und Aufbruch zum ersten Landgang nach 4 Tagen. Meine Wanderung führte mich über das Südwest-Kap zum Ort auf der Insel und ein Stück in die Wüste der Dünen. Ein wenig verlief ich mich auch, ließ mir am Weststrand von der See den Schweiß abwaschen und begab mich wieder an Bord, um durch rechtzeitiges Ablegen dem Kassierer zu entgehen.
Leicht gefallen es mir nicht, die Festmacher zu lösen, denn zu gerne wäre ich noch ausgiebiger durch diese überaus reizvolle Landschaft gestreift. Aber meine Zeit ist knapp bemessen und der Weg noch lang. Darum verholte ich mich in die Pakhus Bugt, an der Südost Küste, um von dort am Morgen nach Kopenhagen zu segeln, es zumindest zu versuchen, denn der Wetterbericht am Hafenmeisterhäuschen verkündete "schwachen Wind”, ohne Richtungsangabe.
Das Ufer dieser Bucht ist von einer langen Naturdüne gesäumt, eine 3 Meilen lange, sanft geschwungene Linie mit leerem Strand, der scheinbar nur von Möwen bevölkert wird, im Osten der Leuchtturm und die Tonnen der Sperrzone als Begrenzung. Sonst ist nicht viel mehr als Luft, Sonne und Meer zu sehen.
Ungefähr mit einer halben Meile Abstand zum Strand hakte ich mich in den Grund ein, auf 56°42,72N/11°36,85E.
Als beim nächsten Frühstück die Sonne durch die Wolkenbänke brach, der helle Sand vom Grund durch 4 Meter Wasser mir entgegen leuchtete, der Strand in hellen Farben strahlte, war es um mich geschehen: Ich konnte mich nicht losreißen von dieser Insel, auch nicht für dieses phantastische Segelwetter. Den ganzen Tag über ließ ich mich auf dem Boot von der Dünung wiegen, erledigte einige Arbeiten am Schiff und genoß mein Panorama, das ich mit kaum jemanden teilen mußte, denn außer ein paar Fracht- und Fährschiffen am Horizont war niemand auf schwimmendem Untersatz zu sehen.
Der Abend klang unter einem Sternenhimmel aus, an dem ich mich nicht satt sehen konnte, indessen ich mich doch auf meine Abfahrt einstellte. Schwacher Wind aus NW, das war die Ansage des Seewetterberichtes der DW. Was immer das auch bedeuten sollte, ich bereitete mich auf eine 30stündige Fahrt nach Kopenhagen vor. D.h. ich war sehr gelassen und entspannt und ließ die Angelegenheit einfach auf mich zukommen. Den Wecker stellte ich auf 2.30 Uhr, weil ich einerseits sehr gern zur dunklen Tageszeit segele und andererseits befürchtete, mich wieder nicht losreißen zu können. Ich freute mich regelrecht auf das Ankerlichten; leicht kam ich aus der Koje und an Deck. Ich hatte alle Lichter gelöscht und erledigte in vollkommener Ruhe meine Arbeiten, unter dem zwischen Wolken glänzenden Firmament. Einzige Vorsichtsmaßnahme war das Überstreifen von Gummihandschuhen zum Schutz vor am Ankertau klebenden Feuerquallen (die Handschuhe waren zufällig an Bord, dafür aber waren mir keine Müllbeutel geblieben).
Doch wie groß wurden meine Augen, als ich mich an der Ankerleine zu schaffen machte! Die ragte silbrig leuchtend schräg voraus ins Wasser, jeder rieselnde Tropfen blitzte auf wie Perlmutt. Es war als hätte Neptun mir zum Abschied von Anholt meinen Anker versilbert. So gemächlich abwartend, wie in jener Nacht habe ich wohl noch nie an Deck gearbeitet. Und doch, letztlich lag das Eisen als ein schwarzer, naß glänzender Klumpen in der Kiste, lediglich an der Leine hingen ein paar traurige “Perlen”.
Zurück darf kein Seemann schauen
In Dunkel gehüllt, war die Kontur der Küste nur schemenhaft wahrzunehmen. Der Leuchtturm sendete einsame Blinke. Meine Laterne antwortete nicht. Bei klarer Sicht, die Schiffahrt gut sichtbar und weit entfernt, fühlte ich mich sicher, wollte von Licht ungestört nach den Sternen segeln.
Es hatte eine leichte, ganz wunderbare Art, den Kurs nach den Sternen auszurichten. Leider war es eine kurze Übung. Bald graute der Morgen, die Sonne erhellte den östlichen Horizont, die Sterne verblaßten. Ich näherte mich der Schiffahrtslinie und zeigte mein Toplicht. Südlich von Anholt kreuzen sich mehrere Großschiffswege, es galt gut acht zu geben. Fischer waren auch bei der Arbeit.
So steuere ich das Boot bei komfortablen 3 Bft. aus NO direkt in das gleißende Licht der aufgestiegenen Sonne und freue mich auf die wage Möglichkeit, heute Abend ein frisch gezapftes Tuborg am Nyhavn zu genießen. Was letztlich auch gelang, denn Wind und Strömung waren gnädig. Im Sund nahm die Fahrt noch zu, bei einem kurzen Seitenblick wurde ich die Finne eines gerade auf- und abtauchenden kleinen Wales gewahr, nur 10 Meter vom Boot entfernt- ein wirklich genialer Zufall!
Zügig ging es durch das belebte Gebiet um Helsingör, mit jeder Menge Traditionssegler und Dampfer, Yachten und Fährschiffen. Unangenehm war nur, daß ich meinen Nachmittagskaffee umstieß und mir leicht den linken Fuß verbrühte. Sonst war alles prima und bald lief ich, einem Ruderboot folgend durch die Nordeinfahrt in das Kopenhagener Hafenrevier ein.
Nach 17 Stunden unter Segeln und einer schnellen “letzten Meile” begab ich mich in die City, um mir in der lebendigen und dichte Atmosphäre des Nyhavn den Durst nach frischem Bier zu stillen.
Für Samstag, den 17. August, hatte ich eine Stadtbesichtigung auf dem Plan. Diesmal hatte das Wetter, anders als beim ersten Besuch vor einem Jahr, erlesene Güte und so war denn diese Wanderung auch ein großer Genuß, mit großen und kleinen Abwechslungen in der City, dem Tivoly und Christiania.
Von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang
Aber meine Zeit lief, ich wollte unbedingt noch einen Besuch in Greifswald machen und die Hafengebühr von 100 Kronen drohte auch, warum sollte ich eigentlich nicht in die Nacht hinein segeln? Die Wetterlage war stabil, für die Nacht war ein moderater Wind aus Südost angekündigt, ich kannte das Revier und fühlte mich gut ausgeruht. Nichts sprach dagegen. Bevor ich an die “erste Meile” ging, holte ich mir noch eine Mütze Schlaf und nutzte das Angebot zu Duschen. Kochte mir dann ein ordentliches Essen für unterwegs, füllte die Thermosflasche und verließ um 19.30 Uhr, als alle anderen die Segel einpackten, mit leise tuckernder Maschine das Hafenrondell. Noch regte sich kein Wind über dem Wasser, obschon sich die Flügel der Windgeneratoren drehten. Im Fahrwasser gen Süden setzte ich Segel und kreuzte gegen Strom und spärlichen Wind. Mit Einbruch der Dunkelheit war ich gerade einmal 3 Meilen vorangekommen und stand vor der Wahl, in Landnähe die Thermik zu nutzen, dafür die Fischernetze umgehen zu müssen oder im Fahrwasser vom Strom getrieben zu werden und den großen Schiffen möglicherweise im Wege zu sein. Und dem großen dänischen Kriegsschiff, das ohne Lichter seinen Weg nahm! Also, dichter an das Ufer heran, den Handscheinwerfer im Anschlag. Und wirklich, ich mußte einige zusätzliche Wenden fahren, um diverse Netzflaggen (bei Nacht läßt sich nicht zwischen rot und schwarz unterscheiden) und unbeleuchtete Tonnen eines Sperrgebietes zu umgehen.
Glücklicherweise hatte ich noch eine gute Orientierung von der ersten Durchfahrt. Die liegt zwar zwei Jahre zurück, fand morgens statt und verlief nordwärts, aber das reichte, um ohne Peilungen und Auszählen der einzelnen Kennungen meine Linie zu finden. Voraus ein heller, grüner Blink. Schnell den Scheinwerfer gerichtet - eine große grüne Tonne, sehr dicht. Während ich den dickbäuchigen Stahl anleuchte, mich noch über die Antwort der Reflektoren freue, werde ich gewahr, wie die Strömung das Boot versetzt, wie unstet der Kurs ist, trotz des jetzt guten Windes. Kein Wunder, daß es mir schwergefallen war, sicher am Tonnenstrich entlang zu steuern.
Mitternacht, endlich befinde ich mich südlich der großen Sundbrücke. Mit den Lichterketten, die den Straßenverlauf andeuten, die hohen Pfeiler illuminiert, ist sie ein beeindruckender Fixpunkt. Dennoch wäre es mir lieber, schneller einen Abstand aufbauen zu können. Die Stromkarte verspricht weiter westlich, in der Kögebugt schwächeren Strom. Ich nehme diesen Umweg in Kauf und siehe da, es segelt sich entspannter, wir kommen voran und die großen Schiffe fahren in wohltuender Entfernung.
Vorgestellt hatte ich mir einen Kurs am (schwachen) Wind. Gut getrimmt hätte ich das Boot mit arretierter Pinne “ewig” sich selbst überlassen können, während ich mir ab und zu einen (vom Kurzzeitwecker begrenzten) 5 bis 10 Minutenschlaf gegönnt hätte, was aber unter diesen Bedingungen unmöglich ist. Die Kursstabilität hält gerade so lange vor, wie ich Zeit benötige die wichtigsten Handgriffe in der Kajüte zu erledigen, manchmal nicht einmal dies. Also probiere ich etwas neues aus. Nach gründlicher Ausschau lege ich mich lang auf die Cockpitbank, den Kopf nach achtern (schön gepolstert), so daß ich mit der rechten Hand die Pinne führen kann. Zur Kurskontrolle “füge” ich den Masttop zwischen Sternen meiner Wahl ein, zusätzliche Orientierung bietet der Winddruck an der linken Wange. Es dauert nur wenige Momente, bis ich alles unter Kontrolle habe. Leider blendet das Toplicht, aber es auszuschalten wäre zu riskant. Die Phase der Entspannung dauert nun so lange, wie ich es aushalte, bei geschlossenen Augen im Rhythmus meiner Atmung bis Zehn zu zählen. Das empfinde ich als so angenehm, das ich für eine halbe Stunde meine seemännische Sorgfaltspflicht ausklinke. Das “Wiedereinordnen” meiner Positionslaterne in das Sternbild am schwarzen Himmel fällt erstaunlich leicht und ich hätte helle Freude an diesem Spiel, plagte mich nicht die Sorge um eine mögliche Kollision. Ohnehin hat der Wind zugenommen, was mich endgültig in die “normale” Steuerhaltung zurück zwingt.
(17Uhr.) In die Tromper Wieck läuft eine heftige Dünung, wie ich sie dort bis jetzt noch nicht erlebt hatte. Vor meinem Zielhafen muß ich noch einen Schlag machen, direkt gegen die See. Einige Wellen sind fast zwei Meter hoch. So kommt noch einmal Freude auf, die aber großer Anspannung weicht, als nur eine Kabellänge vor der Moleneinfahrt, das Groß ist ordentlich an den Baum gebunden, die Genua bereits abgeschlagen, Festmacher und Fender liegen klar - ja du glaubst es nicht, aber der Motor hört auf zu arbeiten und läßt sich auch nicht neu starten. Ich bereue vernehmlich, trotz vorsorgender Gedanken, die Segelmaschine schon soweit außer Betrieb genommen zu haben. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als abzufallen und zu versuchen vor dem Wind das Großsegel wieder zu setzen. Umgeben von Fels- und Steinbrocken und in banger Hoffnung, ob der Weg bis zur voraus liegenden Untiefe ausreichen wird, gelingt es mir tatsächlich, im Schwell das Segel zum Stehen zu bringen. Als hätte das Boot nur darauf gewartet, nimmt es Fahrt auf und schon sind wir aus der Gefahrenzone heraus. Puh - das war knapp. Ich muß mich ersteinmal erholen und fahre ein wenig sinnlos in Richtung offene See.
Ich war natürlich "stinksauer” und ließ voll Mißtrauen das Großsegel zusätzlich bis in den Hafen stehen. Eigentlich hätte es der Energie des Benzins nicht bedurft, aber wer weiß das schon vorher.
24 Stunden nach dem Ablegen in Kopenhagen, 95 Meilen im Kielwasser, liege ich in Lohme (wieder einmal), direkt an der mit Buchen bewachsenen Steilküste, neugierig beäugt aus allen Richtungen, aber stolz auf den glücklichen Ausgang dieser Etappe und den gelungenen Anleger.
Alte Freunde
Gerade weil heute Montag ist, lasse ich mir Zeit beim Aufstehen. Schließlich sind es bis Greifswald, meinem heutigen Zielort, nur 40 sm. Die schaffe ich “mit links”, Hauptsache der Wetterbericht stimmt (SE 4).
Das Durchfahren der Molenöffnung gelingt auf Anhieb (vorsichtshalber hatte ich die Genua schon gesetzt). Mir fehlen die Möwen, standen gestern doch auf jeder Seite zwanzig dieser Vögel einbeinig auf den Steinen und schauten ungerührt meinen Manövern zu.
Ich bin pünktlich zur Verabredung in der Einfahrt zum Hafen von Wieck (Vorort von HGW). Von der Mole aus wird mir zugewinkt. Ich, am Vorstag stehend, die Genua gerade abgeschlagen rufe meinem Freund einen Gruß zu, finde alsbald eine freie Box und bin schon mitten drin im Austausch von Neuigkeiten. Zum Bier gibt es die Spezialität meiner Kombüse: Sauerkraut.
Der Abend endet am frühen Morgen. Leicht verkatert erlebe ich nach mühsamen Aufstehen den verklemmten Service des Duschhauses und mache ein paar kleine Einkäufe. Die Zeitungsschau zum Frühstück ist wie erwartet ein deprimierendes Aufnehmen von Tatsachen, die mir in ihrer Heftigkeit und Härte die Lust am Weitersegeln verderben. Ebensogut könnte ich im Dresdner Zwinger Boot fahren. Ich bin öfter dort zu Gast und kann mir eine Überflutung dieses Ausmaßes einfach nicht vorstellen. Eine Woche lang war ich unterwegs und hatte mich außer für den Seewetterbericht nur um mein privates Glück gekümmert und nun diese, sicher auch auf mich persönlich ausstrahlende Katastrophe.
Mir fehlt jegliche Motivation, um die Passage durch den Sund zu nehmen und wähle wieder den Weg um das Kap.
Gegen 20 Uhr liegt Stubnitz achteraus. Lohme lasse ich für diesmal links liegen, denn ich habe noch große Lust auf dem Wasser zu bleiben. Die Sonne verschwindet als feurige Kugel über Arkona in einer Wolkenbank und ich sage mir (laut): “Wenn ich bis morgens halb drei im Biergarten sitzen kann, so kann ich auch solange auf dem Wasser sitzen und mein Boot steuern.” Rechne dabei aus, gegen zwei Uhr am Gellen (Hiddensee SW-Küste) den Anker werfen zu können.
Noch einmal Dänemark
Mittwoch, ich halte meinen zweiten Ankertag. Baden, Ruhen, erst Mittagessen kochen, dann zum Strand schwimmen und in der Sonne liegen, zurückschwimmen, Essen genießen, Motorboote beäugen und beäugt werden. So vergeht ein Tag im Müßiggang
Ich habe noch vier Tage bis zum Auskranen. Das ist eine Menge, um die 60 Meilen westwärts nach Rostock zu segeln. Zu viel für meinen Geschmack. Also will ich noch einen Umweg machen, damit mir die Zeit nicht zu lang wird. Leider hatte ich im Kattegat dieses Zeitpolster nicht gehabt. Ohne weiteres wäre ich noch drei Tage länger in der Pakhusbugt um meinen Anker geschwoit. Hiddensee ist zwar schön, aber nicht Anholt, und so gönne ich mir noch etwas mehr von der Seefahrt, mache mich auf, um durch den Grönsund zum Smolands Fahrwasser zu gelangen.
Alles ist von warmen, rotem Licht beschienen, als ich mit der frischen Brise im Rücken, Femö an Backbord, sozusagen direkt in die über dem westlichen Horizont stehende Sonne fahre. Trotz zurückgelegter 65 Meilen erreiche ich ganz entspannt einen alt bekannten Ankerplatz in der Kagevig (Bucht der Insel Fejö).
Haialarm im Sund
Etwas interessanter wird der Kurs nach Fehmarn. Mit schneller Fahrt im Lichte der frühen Sonne aus der Bucht heraus und um die Untiefen und die Nordküste Lollands herum, Mittagsflaute im Nakskov Fjord, Ankerpause zum Baden und Mittagessen an der Westküste von Albuen.
Bis zum Nachmittag hält die Flaute an. Ich kämpfe mich, die Thermik ausnutzend, dicht am Ufer ostwärts. Ein sehr arbeitsintensives Unterfangen (einmal werde ich aus voller Fahrt, hoch am Wind, brutal abgestoppt und muß 100° abfallen), aber ich gewinne zwei, drei Meilen. Diese so gewonnene Höhe gestattet es mir, später, als ich Fehmarns Westküste anliegen kann, einen guten Schrigg in die Schot zu geben - und auf einmal habe ich ihn wieder, meinen Lieblingskurs: 60° Höhe am Wind, nahezu querlaufende Dünung und Speed im Schiff, 6- 7 Knoten sind es diesmal. So rausche ich zum Leuchtturm Flügge und kann nach einigen sauberen Wendemanövern meinen Anker nahe der Sundbrücke in der Orther Bucht wegfieren.
Am Morgen ist alles beim alten: 4-5 Bft aus Ost. Das bedeutet einen straffen Frühsport. Vor Heiligenhafen blüht auf einmal eine Masse weißer Segel auf. Während ich noch dabei bin, den Törn nach Pöhl vorzubereiten, ist das erste Startfeld schon an der Brücke und weiter. Ich staue meine Anker, setze zum Groß die Genua 3, und ohne daß ich es so beabsichtigt hatte, befinde ich mich mitten im Feld der zuletzt gestarteten etwa 30 Yachten. Ob ich will oder nicht, ich muß mitziehen, denn es ist auch mein Weg: gegen Wind und Strom durch den Sund nach Osten. Eine X99 zieht in Lee an mir vorbei und bringt mich auf den Gedanken, ebenso konsequent zwischen Inselufer und rotem Tonnenstrich aufzukreuzen. Die kurz aufeinanderfolgenden Wenden sorgen für Schweiß und Aufregung, schließlich ist das Gedränge groß, der Platz eng und ich möchte niemanden behindern oder gar das Wegerecht beschneiden.
Dicht voraus vernehme ich plötzlich das Knistern eines neuen, frischen Segels. Gerade eben meinte ich mich noch wundern zu dürfen, über dieses kleine Boot mit dem lustigen Fisch im Segel, da ist mir auch schon, als blicke ich, wie nach ewiger Zeit in einen Spiegel: eine Shark (Segelnummer 1600) bahnt sich ihren Weg. Leider ziehen es die Drei vor, sich mitten im Strom abzumühen, so daß es mit einem freundlichen Winken sein Bewenden hat. Noch ein paar schnelle Wenden in Mitten der Großen, dann verlasse ich das Gewimmel und nehme Kurs auf das Salzhaff,
Heimkehr in Langsamkeit
Für meine letzte Etappe hat mir der Seewetterbericht schwachen Wind angedroht. Ein schwacher Sturm wäre mir ehrlich gesagt genehmer, denn bis Warnemünde sind es noch 28 Meilen. Dennoch verspüre ich keine Eile, als mir der Wecker um 6 Uhr das Aufstehen nahelegt.
Etwas unlustig widme ich mich meinem Frühstück, oder dem, was mir meine Vorräte dafür noch bereithalten.
So gestärkt schaffe ich es, innerhalb von 15 Minuten den Anker aus dem verkrauteten Grund zu holen und Vollzeug zu setzen. (Langes Üben zahlt sich eben aus). Mit der abklingenden Morgenthermik gelingt es mir, an den Sandbänken vorbei ins offene Wasser zu kommen.
Eigentlich ist dieses Müh von umgesetzter Energie kaum der Erwähnung wert, wollte ich es mit dem schäumendem Kielwasser vergangener Tage vergleichen,
Vielleicht war es ein großes Glück, das mich mit diesem fast ideal zu nennenden Wetter bedacht hat. Aber der Umstand, daß ich so einen weiten Kreis ziehen konnte, liegt auch in der konsequenten Art den Wind zu nutzen, das Boot möglichst zu jeder Zeit optimal zu segeln.
Schon eine ganze Weile zieht “Fibula” selbständig seine Spur durch das Wasser, ich sehe einfach keinen Grund die Pinne anzufassen. Denke, daß es manchmal wohl besser ist, sich nicht einzumischen. Aber mich gelüstet nach einer Erfrischung. Achselzuckend mute ich dem Boot bei seinem schwachen Antrieb noch das Bremsen meiner 30 Meter langen Schwimmleine zu und lasse mich ins Wasser gleiten, um eine Strecke nebenher zu schwimmen. Eine Aktion, die mich so begeistert, daß ich sie am Abend, den Strand von Warnemünde quer ab, wiederhole. Als Abbaden sozusagen.
Tags zuvor hatte ich noch angesichts des angekündigten schwachen Windes Ärger gezeigt, doch jetzt war ich sehr zufrieden, denn mir war diese langsame Annäherung an den Schlußpunkt meiner Fahrt auf einmal sehr angenehm, ich meinte, wir kämen doch reichlich schnell voran. Deutlich schon war die Moleneinfahrt von Warnemünde zu erkennen.
19.30 Uhr, es ist soweit. Das Boot ist wieder zu Hause.
Als ob mit dem Ende der Reise und dem Ende meiner Vorräte auch der Vorrat an Energie erschöpft ist, verabschiedet sich, ich hatte es schon geahnt, der Wind. Weil ich keine Lust auf Beschleunigung verspüre und den Start der Maschine hinausschiebe, brauche ich ewig, um an der Werft vorbeizukommen. Ich zeige allen, die mich sehen wollen, mein Toplicht, auch der Wasserschutzpolizei. Bis zu deren Stützpunkt bin ich noch zuversichtlich, den Motor kaltlassen zu können, doch hier löst sich das Wenige, was vom Wind noch übrig war, in ein buchstäbliches Nichts auf, und ich stelle mich doch auf den Alternativantrieb um. Gerade als ich Maschinenlicht und Buglaterne einschalten will, verweigert meine Batterie den Dienst.
Am Ende dieser grandiosen Fahrt hat meine Batterie, nach nur 3 Jahren, ihr Leben ausgehaucht. Wie ein Geisterschiff lege ich noch zwei Kabellängen zurück und verankere mich dicht an der Schilfkante für die letzte Nacht. Zwar ohne eigenes Licht (selbst mein Petroleumvorrat ist gelenzt), aber das nahe Fährterminal sorgt mit seinen Flutlichtern für ausreichende Beleuchtung.
Das Ende vom Lied
Ich fühle mich überaus zufrieden und wohl in meiner Haut. Hinter mir liegt eine wunderbare Reise, mein Inneres ist berauscht von der Intensität, dieser auf dem Meer gelebten Zeit, habe mein Limit voll ausgeschöpft, neue Ufer erreicht, ohne dabei an meine Grenzen gestoßen zu sein, das macht froh und zufrieden. 600 Meilen nur mit Hilfe des Windes zurückgelegt, ohne jedes Gefühl von Zwang, ich fühlte mich frei wie nie und glaube, daß alles leicht und einfach gewesen ist. Die Shark hat sich einmal mehr als ideal für eine solche Unternehmung herausgestellt. Nicht zuletzt ist meine Begeisterung, in der ich auf diese Fahrt zurückblicke, auch mit der Segelleistung dieses Bootes verbunden.
Noch am nächsten Morgen ist die Warnow glatt, wie mit Öl begossen. Endlich kommt der Motor nun auch zu seinem Recht, schiebt uns mit voller Kraft die letzten 5 Meilen in den Rostocker Stadthafen. Dort setze ich nach 6 Tagen erstmals wieder die Füße auf festen Boden, um in die nahegelegene Grubenstraße zu laufen. Für Leute, die echtes, grobes Vollkornbrot mögen, gibt es hier einen erstklassigen, noch traditionell arbeitenden Bäcker. Dieses Brot war eines der wenigen Dinge, die mir wirklich an Bord gefehlt hatten. Erst an die zweite Stelle würde ich Apfelsaft auf die Fehlliste setzen, dicht gefolgt von Küchenpapier und Mülltüten. Dennoch habe ich meinen gesamten Müll zurück in den Heimathafen gebracht, das ist bei mir so Sitte. Hatte genug Behältnisse entdeckt, nur leider sah es unter der achteren Luke doch ziemlich nach Mülltonne aus. Die letzten 5 Liter Wasser stammen noch von Anholt...
Nachmittags sind die Spuren des Lebens im Schiff beseitigt. Der Mast ist gelegt, der Kran trennt das wackere Schiffchen von seinem Element und setzt es im Lagerbock zur Winterruhe ab.
Nach 4 Stunden Autobahnfahrt bin ich wieder an meinem festen Ort eingetroffen, 400 km von der See entfernt. Nur das Ankommen wird noch eine ganze Weile dauern.
Ausrüstung:
-2 Großsegel, Genua 1,2,3, Fock 4 und 1,8 qm -Plattenanker “Britany” 10 kg, 6m/8mm Kette, 40m/10mm Leine -Klappdraggen 6 kg, Reitgewicht 4kg -Bugkorb, umlaufende Leine -Feststoffweste mit Livebelt -Radio, Uhr, Barometer -Maggelan 200 GPS-Handy -Pinnenarretierung -5 PS Honda 4Takt
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