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Pilgerreise auf der Ostsee

9.8. bis 26.8.2002

von Heiner Möller,  Halle / Saale
 


Leinen los in Dänemark, aber noch kein Ziel
 

pilger1  Natürlich beginnt dieser Urlaubstörn, wie alle anderen vorher
  auch, lange Zeit bevor zum ersten Mal die Festmacher eingeholt
  und Segel gesetzt werden. Gedanken fangen im Kopf an zu
  kreisen, sich zu festigen, Erinnerungen an frühere
  Unternehmungen spielen eine Rolle.
  Im Jahr zuvor war ich zum ersten Mal länger als nur ein
  Wochenende allein mit dem Boot unterwegs.
  Jetzt reizte mich eine Wiederholung mit Verlängerung.  Genau
  17 Tage war mein Zeitpolster dick. Genauer gesagt müßte es
  heißen dünn. Es  waren zudem die einzigen Tage, die mir in
  diesem Jahr  mit dem Boot (auf dem Wasser) vergönnt waren.

So lautete denn der Grundsatz bei meiner Planung schlicht und einfach:

Ich will segeln.

Inmitten der angehäuften Vorräte, Sorgen und Nöte im Nacken, wie z.B. Aufgabe des alten Arbeitsplatzes,
Wohnungssanierung, Existenzgründung, versuchte ich am letzten Abend vor der Abreise, so etwas wie eine
Törnplanung aufzubauen und steckte mir ein paar mögliche Routen ab. Letztlich zog ich dann aber eine
gänzlich andere Spur.

Erwähnenswert ist der Umstand, daß ich mir in diesem Jahr erstmals das Boot mit einem segelbegeisterten
Freund teilte. Fünf Wochen segelte er jetzt schon, mit und ohne Familie, erlebte den Rest der
Starkwind-Phase dieses Sommers und übergab mir die Shark in Aabenraa, ca. 30 km nördlich von
Flensburg. Für mich, der sehr gerne im Norden unterwegs ist, eine wundervolle Ausgangsposition.

Nach abendlicher Ankunft, durchzechter Nacht,  Automobil- und Segelboot-übergabe am Morgen beginne
ich Proviant zu stauen, Lasten zu trimmen, bevor ich am Nachmittag endlich in See steche.

Viel habe ich mir für diese ersten Stunden unter Segeln nicht vorgenommen, will vor allem erst einmal mein
Gefühl für Boot, Wind und Wellen wieder gewinnen. Es fällt mir auch überhaupt nicht leicht die 4 Bft zu
akzeptieren. Südost. Es bläst genau in den Aabenraa Fjord hinein. Nicht gerade das, was ich mir für den
Beginn gewünscht hätte. Das Setzen des Großsegels ist da schon eine ernste Aufgabe. Die auflaufende Welle
bringt ordentlich Bewegung ins Boot. Geschafft!
Für den Anfang nicht schlecht. Für eine Weile genügt mir dieses eine Segel, und ich entspanne ein wenig.
Mache mich dann an die Arbeit, die kleine Fock (4qm) anzuschlagen. Fertig, ”Hol das Fall”. Verdammt,
warum stimmt der Holepunkt nicht? Ja, wo hängt eigentlich das Schothorn? Es kostet mich tatsächlich ein
paar Sekunden, bis ich begreife, das Segel verkehrt herum gesetzt zu haben. Erst Lachen, dann das Ganze
noch einmal von vorn beginnen. Vielleicht hat es außer der Sonne niemand beobachtet, und wenn schon.
So peinlich wie es ist, ein witzigeres Manöver habe ich noch nie gemacht.

1,5 Stunden später, die Zeit wird mir doch etwas lang, übe ich einen Vorsegelwechsel. Traveller nach Lee,
Pinne arretieren, Schot etwas fieren, mit gelöstem Fall zum Bug laufen und das Segel auffangen. Stagreiter
lösen, Hals und Schothorn abschlagen, das Päckchen in die Kajüte bringen. Mit dem neuen Tuch zurück,
anschlagen, Holepunkte verschieben – “Hol das Fall! Hol dicht die Schot”! Ich bedanke mich bei “Fibula”
und übernehme wieder Pinne und Travellerschot. Die ganze Zeit über hat das Boot zuverlässig seinen Kurs
gehalten,  sich von Wellen und  Geturne an Deck nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ganz prima, das gibt
Zuversicht.
Der Abend wird (auch) ganz ruhig und still. Am 9. August feiere ich meine erste Nacht auf dem Wasser. Die 6 Meilen haben mir vollauf genügt, für heute.

Viel Sonne, wenig Wind

Sonntag. Vom Anker komme ich noch gut weg, doch nur wenig später beginnt meine erste Geduldsprobe:
Flaute. Vertrieben und Verdreht von Strömung und gelegentlichem Windhauch bekomme ich wegen des
Dunstes Probleme mit der Orientierung, ein fast vergessenes Gefühl. Ich lege ein zweites Frühstück ein und
bin so motiviert, mich um das Echolot zu kümmern. Durch Schräglage kann kein Öl ausgetreten sein. Das
diffuse Bild wird wohl ein anderes Leck als Ursache haben. Sauge mittels Papier den Rest Öl ab, entfette
mit Aceton und versuche, mit Sikaflex die Abdichtung zu verbessern.

Nach zweistündigem Trocknen und der Neubefüllung (fast tut es mir leid um das schöne Olivenöl), habe ich
wieder den alten zuverlässigen Partner an der Seite, wenn ich mich nach der Distanz  zum Grund erkundigen
will.

Am Nachmittag macht sich der Wind wieder rar. Ich sichte eine kleine Schule Zwergwale, deren Finnen
dank des glatten Wassers gut auszumachen sind. Mit Ausdauer erreiche ich die Insel Torö. Ein kaum
wahrnehmbares Stückchen Erde, das sich bei Assens an die Insel Fünen schmiegt. In Lee der Nordküste
lege ich mich hinter meinen Anker. Gegenüber, nur eine knappe Meile entfernt, liegt, wie in der Karte
eingezeichnet ein kleiner Frachter. Rostig und mit Schlagseite, nur halb aus dem Wasser ragend, ist er als
Wrack ein wirkungsvoller Kontrast zum weiß leuchtenden Kraftwerk dahinter.

Die Reise beginnt

Beim Abschied nehmen in Aabenraa meinte mein Segelpartner, ich solle doch bitte, käme ich nach Anholt,
diese Insel von ihm grüßen; hatte auch, von mir belächelt, die Seekarten für Kattegat und Skagerag mit an
Bord genommen, damals in Rostock. Nun hatte ich einen Floh im Ohr.

Die Seekarte bezeichnet eine kleine Fläche Land mitten im Kattegat mit diesem Namen. Von einer
wunderschönen Fläche offener See umgeben, liegt sie mächtig weit von meiner jetzigen Position und
meinem Heimathafen entfernt. Angeblich solle  Anholt des Seglers Mekka sein, so hatte ich irgendwann
einmal gehört.
Jetzt war ich schon so weit nördlich, und es bot sich mir eine vielleicht einmalige Chance. Bei allem Respekt
vor den Distanzen, aber es sollte doch irgendwie zu schaffen sein, auch wenn es “nur” eine Shark ist,
30 Jahre alt, mit mir allein an Bord. Nun also war ich fest entschlossen, trotz unsteter Winde und nur 23 bis
jetzt zurückgelegter Meilen: Ich will nach Anholt!

Gut motiviert hatte ich noch vor acht Uhr den Anker gestaut, im grauen Morgen beide Wracke gegrüßt und
die Segel für die Kreuz nach Norden getrimmt, immer dicht an Fünens geschwungener Westküste entlang.
Nach nur 13 Meilen breitet sich die Mittagsflaute aus. Die allermeisten Konkurrenten  haben längst den
"Unterwasserbesan” gesetzt. Den letzten noch Segelnden lasse ich in die Mitte des Sees fahren und komme
gerade noch in die Nähe des Ufers, bevor sich alles Kräuseln in eine gänzlich glatte Wasserfläche auflöst.

Die Sonne brennt, die Stille drückt nicht minder. über dem Land entwickelt sich Bewölkung. Das Barometer
steht hoch. Noch sehe ich eine leichte Spur als Kielwasser achteraus wandern,  leise und allmählich. So
schlaff wie sie auch aussehen, die Segel scheinen Vortrieb zu liefern und das Boot bleibt zumindest zeitweise
auf Kurs.
Ich sitze in der Kajüte und pule Erbsen aus Schoten. Später, als mein Essen auf dem Herd steht, finde ich
sehr dicht am Strand den ersehnten Wind, dazu das Zwitschern der Vögel und der Geruch der Vegetation -
ein wunderbarer Moment, in dem mich die Lust packt, den Fuß an Land zu setzen, es sind ja nur ein paar
Meter. Aber der Wind wird steter, bald rauscht es wieder um das Schiff, und auf einmal  überstürzt sich
alles.
Das Radio “weckt” für den Deutsche-Welle-Wetterbericht  (wichtig wegen der 5-Tage-Vorausschau), der
Kurzzeitwecker erinnert an das Ablaufen der Garzeit von Nudeln und Gemüse, der Himmel bezieht sich mit
einer dicken Wolke, die zur Vorsicht mahnt, erste Tropfen fallen. Ich hole flugs die Genua herunter und
begnüge mich mit dem Vortrieb, den das Großsegel produziert, gieße den Regentropfen das Wasser aus
meinen Kochtöpfen hinterher und nehme mit dem Radio in der Hand (die Öljacke schnell übergestreift)
meinen Platz an der Pinne ein, denn “traditionell” kommt mir wieder ein Segler entgegen.
Zum Glück wartet die Bö mit ihrem Einsatz auf das Ende meiner Lieblingsradiosendung. Leider war der
Empfang spärlich, meine einhändigen Notizen auch. Aber soviel scheint sicher: Morgen gibt es Wind: 6 bis
7 Bft. aus Nord.

Die Sicht ist gerade gut genug, damit ich ins Grübeln geraten kann, warum wohl die 2 Meilen voraus
sichtbare große Marina nicht auf der Karte zu finden ist. Natürlich! In der Mittagsflaute vergaß ich
vollkommen mich umzustellen, entgegen meiner am Morgen gefaßten Absicht bin ich jetzt auf dem Weg in
den Fänö Sund.

Der Regen verliert sich, der Wind bleibt frisch. Alsbald ist die Genua (2) wieder gesetzt, die Schoten dicht
und das Boot am Wind. Praktisch ist es nun so, als würde ich durch eine Schlucht segeln. Die Ufer stehen
dicht zusammen und sind bis an den Rand des steilen Ufers mit hohen Buchen bewachsen. Der Regen hat
eine herzliche Frische hinterlassen, die nicht nur die Vögel zum Jubeln bringt. Auch mir lacht das Herz!
Endlich kann ich mich wieder “austoben”, stemme mich gut gelaunt gegen Strom und Wind. Rasch folgt
eine Wende der anderen, in der Pantry wird das lose Geschirr gemischt.

Schneller als ich dachte, gelange ich aus dem “Wald” auf das “offene Feld”, falle ab und laufe, halb im
Gleiten, in das Snaevrig Fahrwasser ein. Das ist ein stark gekrümmter Sund,  enge Nahtstelle zwischen
Jütland und Fünen. Laut Handbuch sollen beträchtliche Strömungen auftreten. Die dicken Pfeile in der
Stromkarte zeigen gegen mich und verursachen Unbehagen. Das wird wohl meine erste Flußfahrt werden.
Zunächst wird aber Malzeit gehalten. Meine Leistung als Smutje stimmt mich genau so froh wie das Resultat
meiner Arbeit an den Schoten. Während  des Essens überhole ich wie nebenbei eine Bavaria 44, ein
Charterschiff  dessen Besatzung nicht genug motiviert ist , um auch das Großsegel auszurollen.

Dicht am westlichen Ufer ist zwar Windschatten, aber die Strömung ist aufgehoben. Seelenruhig folgen
Boot und Mannschaft der Krümmung des Snaevringen. Der Wind fällt etwas vorlicher ein, bald werde ich
dem Beispiel der vorausfahrenden Segler folgen und auf die Kreuz gehen müssen. In der Hoffnung auf
Neerstrom, steuere ich die Westseite der zweiten, größeren und moderneren Brücke an. Das bringt Erfolg,
doch muß ich aufpassen, in den Verwirbelungen im Schatten des Pfeilers nicht die Kontrolle über das Boot
zu verlieren. Doch alles geht glatt und niemand beschwert sich, obwohl ich auf der “falschen” Seite fahre.
Hoch am Wind quere ich das Fahrwasser, erwische dicht am nördlichen Ufer wieder den Neerstrom,
komme in den Genuß plötzlicher Beschleunigung und habe im Nu das letzte Kap gerundet.

Fredericia an Backbord, sichte ich die Finne eines Zwergwales und stecke mir den Kurs für die letzten
10 Meilen bis zum heutigen Ankerplatz ab. “Fibula” geht mit flotter Fahrt über die See und nach etwa zwei
Stunden habe ich den Bereich der “letzten Meile” erreicht.

Ebenso wie die “erste Meile”, kostet sie mich erheblich mehr Zeit, als einer mehrköpfigen  Crew. Mit
langsamer Fahrt (nur unter Großsegel), um sorgfältige Navigation bedacht, wird das Schiff über den
Ankergrund gebracht. Fast im Wind stehend, Großsegel niedergeholt und aufgetucht,  treibt das Boot
achteraus, manchmal dreht es auch selbständig vor den Wind. Vorsegel noch einmal gesetzt, dann das Eisen
vom Heck aus weggefiert. Je nach Wassertiefe die Leine nach 10 bis 20 Metern abgestoppt und belegt.
Hält der Anker, Leine zum Bug tragen und belegen, Reitgewicht ausbringen und das Boot  in den Wind
schwingen lassen. Vorsegel abschlagen, Ankerball bzw. Licht oder beides installieren, Leinen aufschießen
die Kajüte in Ordnung gebracht. 20 Uhr, letzter Logbucheintrag. Hier erst, üblicherweise nach einer vollen
Stunde, endet  meine “Letzte”, heute die von 35 gesegelten Meilen.

Tanzen auf dem Kattegat

Als der Wecker den Tag einläutet, ist es noch dunkel. Die “erste Meile” beginnt mit Frühstück und
Proviantvorbereitung bei Nachtbeleuchtung und Ankerlichten bei Sternenlicht. Später, weil ich wegen
der Eile zu groß angefangen hatte, Vorsegelwechsel bei Sonnenaufgang. Es baut sich ein kräftiger Wind auf,
glücklicherweise aus Nordwest. So kann ich mit einem kleinen Schrick in den Schoten der Strömung ein
schnelles Schiff entgegensetzen.

In der Enge zwischen Tunö und Samsö wird es dann spannend. Um auf der Luvseite des nur 1,5 Meilen
breiten Fahrwassers zu bleiben, muß ich maximale Höhe segeln. Gegen einen Wind, der durch den
Düseneffekt auf etwa 7 Bft. zugenommen hat und eine hohe steile Welle vor sich hertreibt.
Alles kein Problem. Wie selbstverständlich steigt der Shark über die kurzen, grünlich schimmernden Berge,
die sich vor ihm auftürmen. Nur ein, zwei mal gabelt der Bug Schaumkronen auf,  wirft sie in die Plicht und
mir in den Nacken. Machmal scheint es so, als würde das Boot auf  dem Kamm der Welle zum Sprung in
das Tal ansetzen, den Rumpf  wohl bis zur Hälfte aus dem Wasser gehoben.
Ein starkes Gefühl der Begeisterung erfaßt mich. Leider machen die häufigen Böen  das Steuern schwierig.
Nach dem ich dritten ”Sonnenschuß”, beschließe ich das zweite Reff einzubinden. Bei diesem Seegang eine
kitzlige Angelegenheit, aber schließlich hatte ich vor einer Stunde Gelegenheit zum Üben. Auch in der
Wiederholung gelingt das Manöver und ich kann mich entspannter an der Pinne plazieren.

Jütland liegt an Backbord und erstrahlt in der Sonne das es eine Pracht ist. Ich genieße den Anblick und
ziehe meine Linie parallel zur Küste, da ich nicht sicher bin, ob der Wind  doch auf Nord dreht. Erst auf
Höhe von Grenaa  falle ich ab und mache mich an die Überquerung des Kattegat. Für den Fall von
Ermüdung hatte ich hier die Möglichkeiten für eine Unterbrechung einkalkuliert. Das tut aber beileibe nicht
Not.
Ich fühle mich sehr gut, der Tag ist noch lang, die Sonne wärmt und macht mir Lust,  weitere 25 Meilen zu
segeln. Und was war das für ein herrliches Vergnügen! Mit zunehmender Distanz zur Küste wurde die See
sanfter und weicher. Die 6 Bft. aus Nordwest  hatten eine lange, bis 2 Meter hohe Dünung aufgebaut,
vereinzelt brechen sich Wellen. Bei 60 Grad Höhe am wahren Wind, dwars zur See erreicht der Shark 7 bis
8 kn  Speed. Das war schon kein Segeln mehr, das war ein Trance erzeugendes Ballett! Mühelos und mit
Esprit schossen wir durch die Wellen, daß
es nur so schäumte. Zur Stärkung gab es Butterbrot in Salzwasser
eingelegt, aber dennoch war diese Verpflegung  wohlschmeckend.

 pilger2

Irgendwann tauchte am Horizont ein schmaler, senkrecht stehender Strich auf – Anholt, der Radarmast,
wie ich später erkennen konnte. Meine Wette auf die Ankunftszeit gewann ich, aber nur weil sich beim
Vorbereiten zum Einlaufen in den Hafen kleinere Komplikationen einstellten. Das Großfall hatte sich in
Folge der Reffvorgänge verklemmt, und überhaupt war es schwieriger, als ich gedacht hatte, in diesem
Seegang Festmacher und Fender klarzulegen. Den langen Tag in den Knochen zu spüren machte das
Manöver auch nicht leichter.

Der Hafenmeister kam und tauschte einen Beleg, der einer Straßenbahn würdiger gewesen wäre, gegen ein
Drittel meiner Bordkasse ein. Seine Zahlbox schluckte meine 125 Kronen, ich meinen Schock und darauf
noch ein Bier aus der Last.

Die Pakhusbugt

Am nächsten Morgen: Erwachen ohne Wecker, Baden am Strand, Frühstück und Aufbruch zum ersten
Landgang nach 4 Tagen. Meine Wanderung führte mich über das Südwest-Kap zum Ort auf der Insel und
ein Stück in die Wüste der Dünen. Ein wenig verlief ich mich auch, ließ mir am Weststrand von der See den
Schweiß abwaschen und begab mich wieder an Bord, um durch rechtzeitiges Ablegen dem Kassierer zu
entgehen.

Leicht gefallen es mir nicht, die Festmacher zu lösen, denn zu gerne wäre ich noch ausgiebiger durch diese
überaus reizvolle Landschaft gestreift. Aber meine Zeit ist knapp bemessen und der Weg noch lang. Darum
verholte ich mich in die Pakhus Bugt, an der Südost Küste, um von dort am Morgen nach Kopenhagen zu
segeln, es zumindest zu versuchen, denn der Wetterbericht am Hafenmeisterhäuschen verkündete
"schwachen Wind”, ohne Richtungsangabe.

Das Ufer dieser Bucht ist von einer langen Naturdüne gesäumt, eine 3 Meilen lange, sanft geschwungene
Linie mit leerem Strand, der scheinbar nur von Möwen bevölkert wird, im Osten der Leuchtturm und die
Tonnen der Sperrzone als Begrenzung. Sonst ist nicht viel mehr als Luft, Sonne und Meer zu sehen.

Ungefähr mit einer halben Meile Abstand zum  Strand hakte ich mich in den Grund ein,
auf  56°42,72N/11°36,85E.

Als beim nächsten Frühstück die Sonne  durch die Wolkenbänke brach, der helle Sand vom Grund durch
4 Meter Wasser  mir entgegen leuchtete, der Strand in hellen Farben strahlte, war es um mich geschehen:
Ich konnte mich nicht losreißen
von dieser Insel, auch nicht für dieses phantastische Segelwetter.
Den ganzen Tag über ließ ich mich auf dem Boot von der Dünung wiegen, erledigte einige Arbeiten am
Schiff und genoß mein Panorama, das ich mit kaum jemanden teilen mußte, denn außer ein paar Fracht-
und Fährschiffen am Horizont war niemand auf schwimmendem Untersatz zu sehen.

Der Abend klang unter einem Sternenhimmel aus, an dem ich mich nicht satt sehen konnte, indessen ich
mich doch auf meine Abfahrt einstellte. Schwacher Wind aus NW, das war die Ansage des
Seewetterberichtes der DW.
Was immer das auch bedeuten sollte, ich bereitete mich auf eine 30stündige Fahrt nach Kopenhagen vor.
D.h. ich war sehr gelassen und entspannt und ließ die Angelegenheit einfach auf mich zukommen. Den
Wecker stellte ich auf 2.30 Uhr, weil ich einerseits sehr gern zur dunklen Tageszeit segele und andererseits
befürchtete, mich wieder nicht losreißen zu können. Ich freute mich regelrecht auf das Ankerlichten; leicht
kam ich aus der Koje und an Deck.
Ich hatte alle Lichter gelöscht und erledigte in vollkommener Ruhe meine Arbeiten, unter dem zwischen
Wolken glänzenden Firmament. Einzige Vorsichtsmaßnahme war das Überstreifen von Gummihandschuhen
zum Schutz vor am Ankertau klebenden Feuerquallen (die Handschuhe waren zufällig an Bord, dafür aber
waren mir keine Müllbeutel geblieben).

Doch wie groß wurden meine Augen, als ich mich an der Ankerleine zu schaffen machte! Die ragte silbrig
leuchtend schräg voraus ins Wasser, jeder rieselnde Tropfen blitzte auf wie Perlmutt. Es war als hätte
Neptun  mir zum Abschied von Anholt meinen Anker versilbert. So gemächlich abwartend, wie in jener
Nacht habe ich wohl noch nie an Deck gearbeitet. Und doch, letztlich lag das Eisen als ein schwarzer, naß
glänzender Klumpen in der Kiste, lediglich an der Leine hingen ein paar traurige “Perlen”.

Zurück darf kein Seemann schauen

In Dunkel gehüllt, war die Kontur der Küste nur schemenhaft wahrzunehmen. Der Leuchtturm sendete
einsame Blinke. Meine Laterne antwortete nicht. Bei klarer Sicht, die Schiffahrt gut sichtbar und weit
entfernt, fühlte ich mich sicher, wollte von Licht ungestört nach den Sternen segeln.

Es hatte eine leichte, ganz wunderbare Art, den Kurs nach den Sternen auszurichten. Leider war es eine
kurze Übung. Bald graute der Morgen, die Sonne erhellte den östlichen Horizont, die Sterne verblaßten.
Ich näherte mich der Schiffahrtslinie und zeigte mein Toplicht. Südlich von Anholt kreuzen sich mehrere
Großschiffswege, es galt gut acht zu geben. Fischer waren auch bei der Arbeit.

So steuere ich das Boot bei komfortablen 3 Bft. aus NO direkt in das gleißende Licht der aufgestiegenen
Sonne und freue  mich auf die wage Möglichkeit, heute Abend ein frisch gezapftes Tuborg am Nyhavn zu
genießen. Was letztlich auch gelang, denn Wind und Strömung waren gnädig. Im Sund nahm die Fahrt noch
zu, bei einem kurzen Seitenblick wurde ich die Finne eines gerade auf- und abtauchenden kleinen Wales
gewahr, nur 10 Meter vom Boot entfernt- ein wirklich genialer Zufall!

Zügig ging es durch das belebte Gebiet um Helsingör, mit jeder Menge Traditionssegler und Dampfer,
Yachten und Fährschiffen. Unangenehm war nur, daß ich meinen Nachmittagskaffee umstieß und mir leicht
den linken Fuß verbrühte. Sonst war alles prima und bald lief ich, einem Ruderboot folgend durch die
Nordeinfahrt in das Kopenhagener Hafenrevier ein.

Nach 17 Stunden unter Segeln und einer schnellen “letzten Meile” begab ich mich  in die City, um mir in
der lebendigen und dichte Atmosphäre des Nyhavn den Durst nach frischem Bier zu stillen.

Für Samstag, den 17. August, hatte ich eine Stadtbesichtigung auf dem Plan. Diesmal hatte das Wetter,
anders als beim ersten Besuch vor einem Jahr, erlesene Güte und so war denn diese Wanderung auch ein
großer Genuß, mit großen und kleinen Abwechslungen in der City, dem Tivoly und Christiania.

Von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang

Aber meine Zeit lief, ich wollte unbedingt noch einen Besuch in Greifswald machen und die Hafengebühr
von 100 Kronen drohte auch, warum sollte ich eigentlich nicht in die Nacht hinein segeln? Die Wetterlage
war stabil, für die Nacht war ein moderater Wind aus Südost angekündigt, ich kannte das Revier und fühlte
mich gut ausgeruht.
Nichts sprach dagegen. Bevor ich an die “erste Meile” ging, holte ich mir noch eine Mütze Schlaf und 
nutzte das Angebot zu Duschen. Kochte mir dann ein ordentliches Essen für unterwegs, füllte die
Thermosflasche und verließ um 19.30 Uhr, als alle anderen die Segel einpackten, mit leise tuckernder
 Maschine das Hafenrondell.
Noch regte sich kein Wind über dem Wasser, obschon sich die Flügel der Windgeneratoren drehten. Im
Fahrwasser gen Süden setzte ich Segel und kreuzte gegen Strom und spärlichen Wind. Mit Einbruch der
Dunkelheit war ich gerade einmal 3 Meilen vorangekommen und stand  vor der Wahl, in Landnähe die
Thermik zu nutzen, dafür die Fischernetze umgehen zu müssen oder im Fahrwasser vom Strom getrieben
zu werden und den großen Schiffen möglicherweise im Wege zu sein.
Und dem großen dänischen Kriegsschiff, das ohne Lichter seinen Weg nahm! Also, dichter an das Ufer
heran, den Handscheinwerfer im Anschlag. Und wirklich, ich mußte einige zusätzliche Wenden fahren,
um diverse Netzflaggen (bei Nacht läßt sich nicht zwischen rot und schwarz  unterscheiden) und
unbeleuchtete Tonnen eines Sperrgebietes zu umgehen.

Glücklicherweise hatte ich noch eine gute Orientierung von der ersten Durchfahrt. Die liegt zwar zwei Jahre
zurück, fand morgens statt und verlief nordwärts, aber das reichte, um ohne Peilungen und Auszählen der
einzelnen Kennungen  meine Linie zu finden. Voraus ein heller, grüner Blink. Schnell den Scheinwerfer
gerichtet - eine große grüne  Tonne,  sehr dicht.
Während ich den dickbäuchigen Stahl anleuchte, mich noch über die Antwort der Reflektoren freue, werde
ich gewahr, wie die Strömung das Boot versetzt, wie unstet der Kurs ist, trotz des jetzt guten Windes. Kein
Wunder, daß es mir schwergefallen war, sicher am Tonnenstrich entlang zu steuern.

Mitternacht, endlich befinde ich mich südlich der großen Sundbrücke. Mit den Lichterketten, die den
Straßenverlauf andeuten, die hohen Pfeiler illuminiert, ist sie ein beeindruckender Fixpunkt. Dennoch wäre
es mir lieber, schneller einen Abstand aufbauen zu können. Die Stromkarte verspricht weiter westlich, in der
Kögebugt schwächeren Strom. Ich nehme diesen Umweg in Kauf und siehe da, es segelt sich entspannter,
wir kommen voran und die großen  Schiffe fahren in wohltuender Entfernung.

Vorgestellt hatte ich mir einen Kurs am (schwachen) Wind. Gut getrimmt hätte ich das Boot mit arretierter
Pinne “ewig” sich selbst überlassen können, während ich mir ab und zu einen (vom Kurzzeitwecker
begrenzten) 5 bis 10 Minutenschlaf gegönnt hätte, was aber unter diesen Bedingungen unmöglich ist.
Die Kursstabilität hält gerade so lange vor, wie ich Zeit benötige die wichtigsten Handgriffe in der Kajüte zu
erledigen, manchmal nicht einmal dies. Also probiere ich etwas neues aus. Nach gründlicher Ausschau lege
ich mich lang auf die Cockpitbank, den Kopf nach achtern (schön gepolstert), so daß ich mit der rechten
Hand die Pinne führen kann.
Zur Kurskontrolle “füge” ich  den Masttop zwischen Sternen meiner Wahl ein, zusätzliche Orientierung
bietet der Winddruck an der linken Wange. Es dauert nur wenige Momente, bis ich alles unter Kontrolle
habe. Leider blendet das Toplicht, aber es auszuschalten wäre zu riskant. Die Phase der Entspannung
dauert nun so lange, wie ich es aushalte, bei geschlossenen Augen im Rhythmus meiner Atmung bis Zehn
zu zählen.
Das empfinde ich als so angenehm, das ich für eine halbe Stunde meine seemännische Sorgfaltspflicht
ausklinke. Das “Wiedereinordnen” meiner Positionslaterne in das Sternbild am schwarzen Himmel fällt
erstaunlich leicht und ich hätte helle Freude an diesem Spiel, plagte mich nicht die Sorge um eine mögliche
Kollision. Ohnehin hat der Wind zugenommen, was mich endgültig in die “normale” Steuerhaltung zurück
zwingt.

(17Uhr.) In die Tromper Wieck läuft eine heftige Dünung, wie ich sie dort bis jetzt noch nicht erlebt hatte.
Vor meinem Zielhafen muß ich noch einen Schlag machen, direkt gegen die See. Einige Wellen sind fast
zwei Meter hoch. So kommt noch einmal Freude auf, die aber großer Anspannung weicht, als nur eine
Kabellänge vor der Moleneinfahrt, das Groß ist ordentlich an den Baum gebunden, die Genua  bereits
abgeschlagen, Festmacher und Fender liegen klar - ja du glaubst es nicht, aber der Motor hört auf zu
arbeiten und läßt sich auch nicht neu starten. Ich bereue vernehmlich, trotz vorsorgender Gedanken, die
Segelmaschine schon soweit außer Betrieb genommen zu haben.
Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als abzufallen und zu versuchen vor dem Wind das Großsegel wieder
zu setzen. Umgeben von Fels- und Steinbrocken und in banger Hoffnung, ob der Weg bis zur voraus
liegenden Untiefe ausreichen wird, gelingt es mir tatsächlich, im Schwell das Segel zum Stehen zu bringen.
Als hätte das Boot nur darauf gewartet, nimmt es Fahrt auf und schon sind wir aus der Gefahrenzone
heraus. Puh - das war knapp. Ich muß mich ersteinmal erholen und fahre ein wenig sinnlos in Richtung
offene See.

Ich war natürlich "stinksauer” und ließ voll Mißtrauen das Großsegel zusätzlich bis in den Hafen stehen.
Eigentlich hätte es der Energie des Benzins nicht bedurft, aber wer weiß das schon vorher.

24 Stunden nach dem Ablegen in Kopenhagen, 95 Meilen im Kielwasser, liege ich in Lohme (wieder
einmal), direkt an der mit Buchen bewachsenen Steilküste, neugierig beäugt aus allen Richtungen, aber
stolz auf den glücklichen Ausgang dieser Etappe und den gelungenen Anleger.

Alte Freunde

Gerade weil heute Montag ist, lasse ich mir Zeit beim Aufstehen. Schließlich sind es bis Greifswald, meinem
heutigen Zielort, nur 40 sm. Die schaffe ich “mit links”, Hauptsache der Wetterbericht stimmt (SE 4).

Das Durchfahren der Molenöffnung gelingt auf Anhieb (vorsichtshalber hatte ich die Genua schon gesetzt).
Mir fehlen die Möwen, standen gestern doch auf jeder Seite zwanzig dieser Vögel einbeinig auf den Steinen
und schauten ungerührt  meinen Manövern zu.

Ich bin pünktlich zur Verabredung in der Einfahrt zum  Hafen von Wieck (Vorort von HGW). Von der
Mole aus wird mir zugewinkt. Ich, am Vorstag stehend, die Genua gerade abgeschlagen rufe meinem
Freund einen Gruß zu, finde alsbald eine freie Box und bin schon mitten drin im Austausch von Neuigkeiten.
Zum Bier gibt es die Spezialität meiner Kombüse: Sauerkraut.

Der Abend endet am frühen Morgen. Leicht verkatert erlebe ich nach mühsamen Aufstehen den
verklemmten Service des Duschhauses und mache ein paar kleine Einkäufe. Die Zeitungsschau zum
Frühstück ist wie erwartet ein deprimierendes Aufnehmen von Tatsachen, die mir  in ihrer Heftigkeit und
Härte die Lust am Weitersegeln verderben. Ebensogut könnte ich im Dresdner Zwinger Boot fahren. Ich bin
öfter dort zu Gast und kann mir eine Überflutung dieses Ausmaßes einfach nicht vorstellen. Eine Woche
lang war ich unterwegs und hatte mich außer für den Seewetterbericht nur um mein privates Glück
gekümmert und nun diese, sicher auch auf mich persönlich ausstrahlende Katastrophe.

Mir fehlt jegliche Motivation, um die Passage durch den  Sund zu nehmen  und wähle wieder den Weg um
das Kap.

Gegen 20 Uhr liegt Stubnitz achteraus. Lohme lasse ich für diesmal links liegen, denn ich habe noch große
Lust auf dem Wasser zu bleiben. Die Sonne verschwindet als feurige Kugel über Arkona in einer
Wolkenbank und ich sage mir (laut): “Wenn ich bis morgens halb drei im Biergarten sitzen kann, so kann ich
auch solange auf dem Wasser sitzen und mein Boot steuern.” Rechne dabei aus, gegen zwei Uhr am Gellen
(Hiddensee SW-Küste) den Anker werfen zu können.

Noch einmal Dänemark

Mittwoch, ich halte meinen zweiten Ankertag. Baden, Ruhen, erst Mittagessen kochen, dann zum Strand
schwimmen und in der Sonne liegen, zurückschwimmen, Essen genießen, Motorboote beäugen und beäugt
werden. So vergeht ein Tag im Müßiggang

Ich habe noch vier Tage bis zum Auskranen. Das ist eine Menge, um die 60 Meilen westwärts nach Rostock
zu segeln. Zu viel für meinen Geschmack. Also will ich noch einen Umweg machen, damit mir die Zeit nicht
zu lang wird. Leider hatte ich im Kattegat dieses Zeitpolster nicht gehabt. Ohne weiteres wäre ich noch drei
Tage länger in der Pakhusbugt um meinen Anker geschwoit. Hiddensee ist zwar schön, aber nicht Anholt,
und so gönne ich mir noch etwas mehr von der Seefahrt, mache mich auf, um durch den Grönsund zum
Smolands Fahrwasser zu gelangen.

Alles ist von warmen, rotem Licht beschienen, als ich mit der frischen Brise im Rücken,  Femö an
Backbord, sozusagen direkt in die über dem westlichen Horizont stehende Sonne fahre. Trotz
zurückgelegter 65 Meilen erreiche ich  ganz entspannt einen alt bekannten Ankerplatz in der Kagevig
(Bucht der Insel Fejö).

Haialarm im Sund

Etwas interessanter wird der Kurs nach Fehmarn. Mit schneller Fahrt im Lichte der frühen Sonne aus der
Bucht heraus und um die Untiefen und die Nordküste Lollands herum, Mittagsflaute im Nakskov Fjord,
Ankerpause zum Baden und Mittagessen an der Westküste von Albuen.

Bis zum Nachmittag hält die Flaute an. Ich kämpfe mich, die Thermik ausnutzend, dicht am Ufer ostwärts.
Ein sehr arbeitsintensives Unterfangen (einmal werde ich aus voller Fahrt, hoch am Wind, brutal abgestoppt
und muß 100° abfallen), aber ich gewinne zwei, drei Meilen. Diese so gewonnene Höhe gestattet es mir,
später, als ich Fehmarns Westküste anliegen kann, einen guten Schrigg in die Schot zu geben - und auf
einmal habe ich ihn wieder, meinen Lieblingskurs: 60° Höhe am Wind, nahezu querlaufende Dünung und
Speed im Schiff, 6- 7 Knoten sind es diesmal. So rausche ich  zum Leuchtturm Flügge und kann nach
einigen sauberen Wendemanövern meinen Anker nahe der Sundbrücke in der Orther Bucht wegfieren.

Am Morgen ist alles beim alten: 4-5 Bft aus Ost. Das bedeutet einen straffen Frühsport. Vor Heiligenhafen
blüht auf einmal eine Masse weißer Segel auf. Während ich noch dabei bin, den Törn nach Pöhl
vorzubereiten, ist das erste Startfeld  schon an der Brücke und weiter. Ich staue meine Anker, setze zum
Groß die Genua 3, und ohne daß ich es so beabsichtigt hatte, befinde ich mich mitten im Feld der zuletzt
gestarteten etwa 30 Yachten. Ob ich will oder nicht, ich muß mitziehen, denn es ist auch mein Weg: gegen
Wind und Strom durch den Sund nach Osten.
Eine X99 zieht in Lee an mir vorbei und bringt mich auf den Gedanken, ebenso konsequent zwischen
Inselufer und rotem Tonnenstrich aufzukreuzen. Die kurz aufeinanderfolgenden Wenden sorgen für
Schweiß und Aufregung, schließlich ist das Gedränge groß, der Platz eng und ich möchte niemanden
behindern oder gar das Wegerecht beschneiden.

Dicht voraus vernehme ich plötzlich das Knistern eines neuen, frischen Segels. Gerade eben meinte ich
mich noch wundern zu dürfen, über dieses kleine Boot mit dem lustigen Fisch im Segel, da ist mir auch
schon, als blicke ich, wie nach ewiger Zeit in einen Spiegel: eine Shark (Segelnummer 1600) bahnt sich
ihren Weg. 
Leider ziehen es die Drei  vor, sich mitten im Strom abzumühen, so daß es mit einem freundlichen Winken
sein Bewenden hat. Noch ein paar schnelle Wenden in Mitten der Großen, dann verlasse ich das Gewimmel
und nehme Kurs auf das Salzhaff,

Heimkehr in Langsamkeit

Für meine letzte Etappe hat mir der Seewetterbericht schwachen Wind angedroht. Ein schwacher Sturm
wäre mir ehrlich gesagt genehmer, denn bis Warnemünde sind es noch 28 Meilen. Dennoch verspüre ich
keine Eile, als mir der Wecker um 6 Uhr das Aufstehen nahelegt.

Etwas unlustig widme ich mich meinem Frühstück, oder dem, was mir meine Vorräte dafür noch
bereithalten.

So gestärkt schaffe ich es, innerhalb von 15 Minuten den Anker aus dem verkrauteten Grund zu holen und
Vollzeug zu setzen. (Langes Üben zahlt sich eben aus). Mit der abklingenden Morgenthermik gelingt es mir,
an den Sandbänken vorbei ins offene Wasser zu kommen.

Eigentlich ist dieses Müh von umgesetzter Energie kaum der Erwähnung wert, wollte ich es mit dem
schäumendem Kielwasser vergangener Tage vergleichen,

Vielleicht war es ein großes Glück, das mich mit diesem fast ideal zu nennenden Wetter bedacht hat. Aber
der Umstand, daß ich so einen weiten Kreis ziehen konnte, liegt auch in der konsequenten Art den Wind zu
nutzen, das Boot möglichst zu jeder Zeit optimal zu segeln.

Schon eine ganze Weile zieht “Fibula” selbständig seine Spur durch das Wasser, ich sehe einfach keinen
Grund die Pinne anzufassen. Denke, daß es manchmal wohl besser ist, sich nicht einzumischen. Aber mich
gelüstet nach einer Erfrischung. Achselzuckend mute ich dem Boot bei seinem schwachen Antrieb noch das
Bremsen meiner 30 Meter langen Schwimmleine zu und lasse mich ins Wasser gleiten, um eine Strecke
nebenher zu schwimmen. Eine Aktion, die mich so begeistert, daß ich sie am Abend, den Strand von
Warnemünde quer ab, wiederhole. Als Abbaden sozusagen.

Tags zuvor hatte ich noch angesichts des angekündigten schwachen Windes Ärger gezeigt, doch jetzt war
ich sehr zufrieden, denn mir war diese langsame Annäherung an den Schlußpunkt meiner Fahrt auf einmal
sehr angenehm, ich meinte, wir kämen doch reichlich schnell voran. Deutlich schon war die Moleneinfahrt
von Warnemünde zu erkennen.

19.30 Uhr, es ist soweit. Das Boot ist wieder zu Hause.

Als ob mit dem Ende der Reise und dem Ende meiner Vorräte auch der Vorrat an Energie erschöpft ist,
verabschiedet sich, ich hatte es schon geahnt, der Wind. Weil ich keine Lust auf Beschleunigung verspüre
und den Start der Maschine hinausschiebe, brauche ich ewig, um an der Werft vorbeizukommen. Ich zeige
allen, die mich sehen wollen, mein Toplicht, auch der Wasserschutzpolizei. Bis zu deren Stützpunkt bin ich
noch zuversichtlich, den Motor kaltlassen zu können, doch hier löst sich das Wenige, was vom Wind noch
übrig war, in ein buchstäbliches Nichts auf, und ich stelle mich doch auf den Alternativantrieb um. Gerade
als ich  Maschinenlicht und  Buglaterne einschalten will, verweigert  meine Batterie den Dienst.

Am Ende dieser grandiosen Fahrt hat meine Batterie, nach nur 3 Jahren, ihr Leben ausgehaucht. Wie ein
Geisterschiff lege ich noch zwei Kabellängen zurück und verankere mich dicht an der Schilfkante für die
letzte Nacht. Zwar ohne eigenes Licht (selbst mein Petroleumvorrat ist gelenzt),  aber das nahe Fährterminal
sorgt mit  seinen Flutlichtern für ausreichende Beleuchtung.

Das Ende vom Lied

Ich fühle mich überaus zufrieden und wohl in meiner Haut. Hinter mir liegt eine wunderbare Reise, mein
Inneres ist berauscht von der Intensität, dieser auf dem Meer gelebten  Zeit, habe mein Limit voll
ausgeschöpft, neue Ufer erreicht, ohne dabei an meine Grenzen gestoßen zu sein, das macht froh und
zufrieden.
600 Meilen nur mit Hilfe des Windes zurückgelegt, ohne jedes Gefühl von Zwang, ich fühlte mich frei wie
nie und glaube, daß alles leicht und einfach gewesen ist. Die Shark hat sich einmal mehr als ideal für eine
solche Unternehmung herausgestellt. Nicht zuletzt ist meine Begeisterung, in der ich auf diese Fahrt
zurückblicke, auch mit der Segelleistung dieses Bootes verbunden.

Noch am nächsten Morgen ist die Warnow glatt, wie mit Öl begossen. Endlich kommt der Motor nun auch
zu seinem Recht, schiebt uns mit voller Kraft die letzten 5 Meilen in den Rostocker Stadthafen. Dort setze
ich nach  6 Tagen erstmals wieder die Füße auf festen Boden, um in die nahegelegene Grubenstraße zu
laufen.
Für Leute, die echtes, grobes Vollkornbrot mögen, gibt es hier einen erstklassigen, noch traditionell
arbeitenden Bäcker. Dieses Brot war eines der wenigen Dinge, die mir wirklich an Bord gefehlt hatten.
Erst an die zweite Stelle würde ich Apfelsaft auf die Fehlliste setzen, dicht gefolgt von Küchenpapier und
Mülltüten. Dennoch habe ich meinen gesamten Müll zurück in den Heimathafen gebracht, das ist bei mir
so Sitte. Hatte genug Behältnisse entdeckt, nur leider sah es unter der achteren Luke doch ziemlich nach
Mülltonne aus.  Die letzten 5 Liter Wasser stammen noch von Anholt...

Nachmittags sind die Spuren des Lebens  im Schiff beseitigt. Der Mast ist gelegt, der Kran trennt das
wackere Schiffchen von seinem Element und setzt es im Lagerbock zur Winterruhe ab.

Nach 4 Stunden Autobahnfahrt bin ich wieder an meinem festen Ort eingetroffen, 400 km von der See
entfernt. Nur das Ankommen wird  noch eine ganze Weile dauern.

Ausrüstung:

 

    -2 Großsegel, Genua 1,2,3, Fock 4 und 1,8 qm
    -Plattenanker “Britany” 10 kg, 6m/8mm Kette, 40m/10mm Leine
    -Klappdraggen 6 kg, Reitgewicht 4kg
    -Bugkorb, umlaufende Leine
    -Feststoffweste mit Livebelt
    -Radio, Uhr, Barometer
    -Maggelan 200 GPS-Handy
    -Pinnenarretierung
    -5 PS Honda 4Takt

     pilger3

 

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