Long way home...

oder

Gegen den Strom nach Hause


Endlich, endlich ist es soweit. Die Sonne geht am Horizont auf und taucht den Kieler Yachthafen in ein ungewöhnlich schummeriges Licht. Es ist kurz nach sieben Uhr morgens am 31. Oktober. In der letzten Nacht wurden die Uhren auf Winterzeit umgestellt und genauso begrüßt uns auch der Morgen: kalt und grau. Der Winter kommt.
Normalerweise hätte ich mich ja gefreut, eine Stunde länger schlafen zu können. Aber heute morgen hält mich nichts in der Koje. Denn wir wollen heute viel schaffen!

Ich befinde mich an Bord unserer Maverick, einer 34 Jahre alten Segelyacht vom Typ Fellowship 27. Wir haben sie erst in diesem Frühjahr als Ersatz für unsere geliebte kleine Shark 24 Biskaya gekauft, die uns mit den Jahren einfach zu klein geworden war. Nachdem wir vor zwei Jahren Kiel als unseren neuen Heimathafen ausgewählt hatten, stand der Vergrößerung nichts mehr im Wege. Nach langer Sucherei auf dem Gebrauchtbootmarkt und dem fast-Kauf eines 76 Jahre (!) alten Seekreuzers, fand ich die Maverick, damals noch unter dem Namen „Godenwind“, letztlich bei Ebay.

Die Biskaya geht...

...die Maverick kommt!


Ein paar Wochen später fanden wir uns zur Rekord-Renovierung in Jork, dem damaligen Heimathafen des Bootes, ein. An einem Tag strichen wir das Unterwasserschiff neu, bauten zum Teil neue Bordelektrik ein (ein neues Echolot und einen Geschwindigkeitsmesser) und nahmen auch die Polster und Teppiche von Bord mit, um neue zu nähen. Damit war die Maverick nach einigen Jahren Standzeit in der Halle wieder seetüchtig. In zwei Tagen überführten wir sie nach Kiel, ihrem neuen Heimathafen.

Nach diesem Segelsommer, in dem wir die dänischen Inseln abklapperten, wurde es nun langsam knapp: Der Winter naht und die Maverick muss aus dem Wasser!
Da ich im Winter einiges an Bord reparieren und erneuern muss, können wir sie nicht in Kiel liegen lassen, sondern haben uns entschieden, die Maverick über die Kanäle nach Hause zu holen. Die Planung dafür sieht folgendermaßen aus:
Am Samstag den 30. Oktober wollen wir ganz früh morgens nach Kiel fahren, dort den Mast legen und ihn dort ins Mastregal legen, damit wir auf der Kanaltour „das Rohr“ nicht an Deck im Weg rum liegen haben. Dann soll es auch gleich am Samstag in den Nord-Ostsee-Kanal gehen. Wir wollen zumindest die Hälfte schaffen, damit wir am Sonntag pünktlich um 10 Uhr in Brunsbüttel an der Elbe sind und dann mit dem auflaufenden Wasser im Rücken (das uns dann schiebt!) die Elbe hinauf fahren können. Dann geht es durch Hamburg hindurch nach Lauenburg. Von dort aus am Montag über den Elbe-Seiten-Kanal nach Wolfsburg. Klingt ganz easy… Einen Teil der Route kenne ich ja auch schon von meinem Abenteuer in 2002, als ich unsere Shark in einer Woche über 350 km und 19 Schleusen aus Mecklenburg nach Hause brachte ("Über die Kanäle nach Hause").

Am Samstag ging es also ganz früh (na ja… für uns verhältnismäßig früh…) los. Gegen 12 Uhr waren wir, das heißt mein Vater Manfred, mein Onkel und ich, in Kiel. Natürlich viel später als erwartet! Und gleich das erste Problem: Es gibt in unserem Hafen gar kein Mastregal! Also in der Werft nebenan gefragt. Die haben ein Regal. Aber leider ist dort am Wochenende keiner zu erreichen. Aber glücklicherweise treffen wir dort ein Pärchen, das ebenfalls mit einer alten Fellowship 27 unterwegs ist, die ihren Mast in einer Masthalterung (selbstgebaut!) an Deck liegen haben. Unser Mast ist zwar noch etwa 2 Meter länger, aber wir sind zuversichtlich: Wird schon klappen. Das Ding bauen wir uns nach!

Auf dem Weg zum Mastenkran

Also ab zum Baumarkt, ein paar Bretter und Edelstahlbolzen gekauft und zurück zum Boot. Wir wollen nun erst den Mast legen und ihn dann gleich in die neue Halterung kranen. Das klappt auch alles ganz gut. Die Masthalterung ist hoch genug, damit wir unter dem Mast noch bequem am Steuerrad stehen können. Dann wird noch schnell ein kleiner Motorbootmast montiert, der unsere Positionsbeleuchtung für die Nachtfahrten trägt und es kann losgehen.

Wir haben viel zu viel Zeit gebraucht, es dämmert schon. Auf dem Nord-Ostsee-Kanal herrscht Nachtfahrverbot, deshalb wird es für uns sehr knapp. Mein Onkel fährt mit dem Auto wieder nach Hause und wird am Montag in Hamburg Manfred für das letzte Stück ersetzen.
Manfred und ich motoren also flink zur Schleuse in Kiel-Holtenau, aber die Lichter sind aus – Fehlanzeige. Getrübt fahren wir zurück in unseren Hafen und machen für eine weitere Nacht in Kiel an einem leeren Steg fest. Abendessen wird gemacht, eine Flasche Glühwein wird gefunden, … Am späten Abend kommen wir auf die Idee, dass wir auch andersherum nach Lauenburg kommen könnten, nämlich über die Ostsee nach Lübeck und von dort durch den Elbe-Lübeck-Kanal in die Elbe. Wenn wir sofort losfahren würden, wären wir am nächsten Morgen in Lübeck. Aber die Idee wird wieder verworfen, der Auslauftermin wegen dem Nachtfahrverbot auf die Morgendämmerung festgelegt.

Der Morgen der Abfahrt

Am nächsten Morgen rasselt der Handywecker um halb sechs. Viel zu früh. Ich torkele noch halb im Koma aus dem Boot, klettere die Treppe zu den Waschräumen hoch und versuche wach zu werden. Es klappt. Zurück an Bord steht schon der Kaffee auf dem Tisch. Draußen ist es noch stockduster. Nach dem Frühstück wird nach dem Öl geguckt. Sieht gut aus. Dann ist es soweit: Gegen kurz nach sieben wird es langsam hell. Sofort startet der Diesel. Eine Rauchwolke nebelt uns ein. Ob der Motor die lange Strecke schafft? Los geht’s!

Kurz darauf dümpeln wir wieder vor der gleichen Schleuse des NOK. Alle Lichter aus? Was soll das? Ich setze Manfred ab, er soll uns anmelden. Ein zweiter Segler taucht auf, will wohl auch in den Kanal. Ich dachte, die anderen Boote seien schon alle an Land? Noch einer, der genauso spät dran ist wie wir!

Manfred kommt zurück. Der Pförtner der Schleusengesellschaft sagt, die Kammer sei dicht, wir sollen die andere nehmen. Mist, dann waren wir die ganze Zeit an der falschen Schleuse! So ein Ärger! Wir motoren zusammen mit dem anderen Segler zu der anderen Kammer, in die gerade drei riesige Frachter einfahren. Ein dritter Segler taucht plötzlich aus dem Nebel auf. Dann noch ein Motorboot. Als die drei Frachter eingefahren sind, schalten die Lampen auf ein weißes blinkendes Licht um – Einfahrt frei für die Sportboote!

Wir machen als erstes Boot hinter einem holländischen Frachter fest, dahinter ein Segler, zum Schluss die beiden anderen. Die Schleusentore werden geschlossen – Wir haben es geschafft.

Die Schleuse Kiel-Holtenau

Während der Schleusung kommt ein Holländer zu mir und erklärt mir, ich solle unsere Festmacheleine doch lieber noch etwas dichter holen, macht mir mit einem „schwusch…“ und Händen und Füßen klar, dass wir sonst weggespült werden, sobald er Gas gibt. Ich knalle die Leine dicht. Das Tor geht wieder auf und er gibt Gas. Riesige Wirbel entstehen im Schleusenbecken, wir liegen bombenfest an der Schleusenmauer, aber der Segler hinter uns fängt an zu tanzen, eiert hin-und her, kommt uns bedrohlich nahe und – bäng – gerät mit seinem Mast in unseren. Gleich darauf kommt uns sein Anker am Bug noch mal ziemlich nahe, ich kann ihn jedoch gerade noch abhalten.
Passiert ist zum Glück nicht viel. Unsere Windfahne am Mast, der Windex, ist verbogen, aber wieder zu reparieren – Glück gehabt!

Weiter geht es mit Fullspeed (etwa 6,5 Knoten, also 12 km/h…) in Richtung Brunsbüttel. Knapp hundert Kilometer liegen bis dorthin vor uns. Es wird eine recht eintönige Fahrt den Kanal entlang. Alles an Bord vibriert durch den bei 2200 Umdrehungen ratternden Diesel. Ich mache Fotos von meiner Teetasse, auf der sich durch die Vibrationen sofort interessante Kreise bilden…

Meine Tassen-Fotos... ;-)

Ganz lustig ist auch ein Haus, das wir auf halber Strecke bei Rendsburg am Kanalufer stehen sehen. Es ist genau bis zur Hälfte abgerissen. Die linke Seite ist weg, die rechte vollkommen intakt! Würde man es nur von rechts sehen, könnte man nicht darauf kommen, dass die gesamte Rückseite weg ist.

Ein halbes Haus!

Ein Ährenmahl :-))

Nach 8 Stunden Fahrt erreichen wir gegen 17.00 Uhr die Schleuse Brunsbüttel. Durch Kreisefahren vor der Schleuse mache ich den Schleusenwärter auf uns aufmerksam, der uns die Kammer öffnet.
Wir tuckern in die Schleusenkammer und sind um
halb sechs auf der Elbe. Wir haben den Teil der Strecke, auf dem wir unter Zeitdruck stehen, geschafft und können nun die Nacht durch auf der Elbe fahren.

In der Schleuse Brunsbüttel

Dummerweise sind wir gerade zum Zeitpunkt der Flut in Brunsbüttel, was bedeutet, dass uns das Wasser nicht wie gewollt bis Hamburg schiebt, sondern abläuft und uns damit entgegendrückt! Grrr… ;-)

Wieder geht es mit Fullspeed hinaus und in Richtung Hamburg. Die Geschwindigkeit hat sich jedoch durch das entgegenstehende ablaufende Wasser soweit verringert, dass wir nur noch maximal 4 Knoten laufen, also etwa 7,5 km/h. Schrittgeschwindigkeit, um genau zu sein. Wir laufen also im Prinzip zu Fuß ganz langsam die Elbe hinauf! Das kann ja lustig werden... Das Fahren gegen den Strom ist hier auf der Elbe immer ein Problem und man kann hier öfters Segler beobachten, die nicht auf die Gezeiten geachtet haben. Dann segeln sie hier auf der Stelle und kommen einfach nicht voran. Hätten wir nicht einen starken Motor, wäre es für uns auch Hoffnungslos.


Nachts auf der Elbe... Stockduster!

Aber da Probleme normalerweise in Dreierserien auftreten, kann es das mit der Kollision in der Schleuse und dem entgegenstehenden Strom natürlich noch nicht gewesen sein…
Als es plötzlich Stockdunkel ist, klettere ich unter Deck und will die Seekarte der Unterelbe heraussuchen – Uuuups! – Die muss wohl zuhause im Keller liegen…
Na toll! Nun tuckern wir hier die Elbe hinauf, kommen kaum voran, sehen nichts mehr und haben nun auch noch nicht einmal mehr eine Seekarte. Wir wissen nicht, wo wir sind!
Die Lösung: Wir hangeln uns einfach an den grünen Tonnen des rechten Fahrwassers lang und können so zum einen nicht auf eine Sandbank auflaufen, zum anderen auch nicht den großen Dampfern in die Quere kommen, die hier mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit an uns vorbei gen Hamburg jagen.

Es klappt soweit ganz gut. Ab und an übersehen wir eine Tonne, die in der Dunkelheit manchmal auch wirklich spärlich blinken, und geraten in flaches Wasser. Können uns aber immer wieder in das Fahrwasser retten ohne auf Grund zu laufen.

Als ich nach ein paar Stunden für ein paar Minuten unter Deck gehe, ein wenig die Augen zu mache, werde ich kurz darauf an Deck geschrieen „Johannes!!!!“
Mit einem Hechtsprung sitze ich im Cockpit. Wir sind wohl etwas vom Fahrwasserrand abgekommen und ein großer Frachter hat Panik bekommen, dass wir ihm vor den Bug laufen. Durch sein lautes Nebelhorn will er uns aufwecken. Als wir nicht sofort abdrehen und in Richtung Flachwasser abdrehen, schaltet er einen riesigen Suchscheinwerfer an, der auf uns geschwenkt wird und uns auch noch blendet, als er schon fast vorüber ist.

Ein Frachter macht auf sich aufmerksam

Was für ein Schreck! Der Dampfer ist vorher auch kaum zu sehen gewesen, hat sich ganz plötzlich von hinten genähert. Es ist in dieser dunklen Nach ganz schön schwierig, die ganzen Schiffe rechtzeitig auszumachen. Von hinten sind die Containerfrachter beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum, aber von vorne lediglich mit weiß/rot/grünem Licht, das von weitem kaum zu erkennen ist, aber dann ganz plötzlich da ist. Ganz schön schnell die Dinger!
Aber wir freuen uns immer, wenn uns einer überholt, weil wir ihm dann folgen können und nicht weiter mit dem Fernglas grüne Bojen suchen müssen. Eine ganze Weile überlegen wir, ob es nicht sinnvoller ist irgendwo festzumachen und die die Ebbe abzuwarten. Gegen halb 2 ist das Niedrigwasser erreicht und das auflaufende Wasser würde uns wieder schieben und zwar bis Hamburg! Aber das anlaufen eines Hafens ist uns zu gefährlich. Erstmal ist es ohne Karte gar nicht so einfach und zweitens könnten wir bei Ebbe trockenfallen, also auf dem Watt liegen bleiben. Dann müssten wir bis zum nächsten Morgen warten, bis uns das Wasser wieder aufschwimmen lässt. Also fahren wir – trotz Schrittgeschwindigkeit – weiter nach Hamburg.

Als wir nach Stunden Stade erreichen, sind wir wieder auf einer unserer Seekarten und die Navigation wird leichter. Wenigstens wissen wir wieder, wo wir uns befinden!
Nur zwei Stunden später erreichen wir gegen Mitternacht Hamburg. Dort endet die Seekarte und wieder ist das Suchen von Bojen unsere „Lieblingsbeschäftigung“…
Da wir noch nie mit dem eigenen Boot in Hamburg waren – erst recht nicht bei Nacht – ist es eine ganz schöne Sucherei, den richtigen Kanal zu finden. Schließlich wollen wir nicht an irgendeinem Verladeterminal landen, sondern auf der Elbe bleiben! An den Landungsbrücken vorbei geht es auf dem breitesten Gewässer, das wir für die Elbe halten, immer weiter in die Nacht hinein.

Der Verladeterminal...

...und die Landungsbrücken bei Nacht

Als wir schließlich aus Hamburg raus sind, befinden wir uns wieder auf einer Elbekarte, was die Standortbestimmung wirklich erleichtert! Dummerweise tritt jetzt, gegen 2 Uhr morgens, Nebel auf. Das Ufer ist kaum noch von dem Nebel zu unterscheiden. Mit der Taschenlampe in der Hand stehen wir in der lausigen Kälte an Deck und versuchen das Ufer zu beleuchten – der Nebel ist zu dick! Es wird ein richtiger Blindflug.

Ich gehe unter Deck um mich wenigstens ein paar Minuten aufzuwärmen. Die Nächte sind schon lausig kalt und wir tragen beide keine Handschuhe – zu hause vergessen!
Irgendwie fallen mir die Augen zu… Als ich wieder aufwache, habe ich fast eine Stunde geschlafen. Ich hechte an Deck. Manfred hat die Maverick die ganze Zeit durch den Pottendicken Nebel manövriert und wir sind gut vorangekommen. Es ist nicht mehr weit bis nach Geesthacht. Dort wird unsere erste Pause sein. Am Montagmorgen kommt dann mein Onkel an Bord. Mit ihm werde ich das letzte Stück nach Wolfsburg zurücklegen, während Manfred nach Hause fährt. – Aber bis dahin ist es noch ein Stück!
Auf den letzten Kilometern verlieren wir durch den Nebel die komplette Orientierung. Immer wieder scheint der Nebel das Ufer zu sein und wir reißen aus Schreck das Ruder herum. Keine Tonnen zeigen uns das flache Wasser. Wir tappen regelrecht im Dunkeln…
Plötzlich zeigt der Tiefenmesser nur noch einen Meter an, dann einen halben, dann 10 Zentimeter… Wir versuchen die Maverick aufzustoppen. Es ist zu spät. - Kkkrrrschrrrr….. - Wir stehen.

Zum Glück hat die Elbe einen Sandgrund und wir sitzen nur auf einer Sandbank. Mit einer langen Stange schieben und drücken wir und unter gleichzeitigem Vollgas Rückwärts löst sie sich langsam wieder von ihrem sandigem Thron und wir schwimmen wieder – Puuuuhh!!!

Nicht lange darauf sind wir in Geesthacht und machen vor der Schleuse an einem Pfahl fest. Nur noch schlafen! Es ist mittlerweile um fünf Uhr morgens! Ich schreibe ins Logbuch „5.00 Uhr – Motor aus nach 22 Stunden Nonstopfahrt!“ und falle KO in meine Koje in der Vorschiffskammer. Aber ich kann nicht einschlafen, döse nur so vor mich hin. Während der Schlafversuche hören wir dreimal ein lautes „Wummern“ an Deck. Einmal springt Manfred sogar auf, weil er glaubt, es wäre jemand an Deck gesprungen. Aber es ist alles in Ordnung und so legen wir uns wieder hin.

Pause vor der Schleuse Geesthacht - nach 22 Stunden Nonstopfahrt!

Um punkt sechs Uhr klingelt reißt uns das Handy aus dem Dämmerschlaf. Mein Onkel ist schon in Geesthacht an der Schleuse, kann uns aber nicht finden. „Wozu haben wir denn Positionslampen?“ frage ich schlaftrunken und torkele in den Salon, schalte die Lampen an, mache noch einen Schritt – und stehe im Wasser !!!

Schlagartig bin ich wach! „Wo kommt das Wasser her?“ Ich reiße den Teppich hoch, hebe die Bodenbretter an. Die Bilge, der Raum unter dem Fußboden, an dem sich alles Wasser sammelt, ist voll, das Wasser steht schon über den Bodenbrettern! Wir müssen ein Leck haben. Kommt es von der Grundberührung? Wie viel läuft nach? Sinken wir???
Ich springe in Nachtzeug ins Cockpit, fange an zu pumpen. Unmengen von Wasser werden aus dem Boot befördert. Immer und immer weiter wird gepumpt. Und – das Wasser wird weniger! Puuuh…

Plötzlich fördert die Pumpe kein Wasser mehr, der Druck ist weg. Ich mache mich mit der Taschenlampe auf die Suche nach der Ursache des Lecks und der kaputten Pumpe.
Immer noch tropft Wasser in der Bilge nach, sogar unter unserer Sitzecke im Salon stand es schon.
Die Ursache der kaputten Pumpe finde ich schnell. Durch das schnelle Pumpen ist der Schlauch abgerutscht. Mit einem Schraubenzieher krieche ich halb in den Motorraum hinein und repariere sie. Der Rest wird ausgepumpt, es kommt nichts nach. Ich verleihe mir dafür den goldenen Schraubendreher. Die Pumpe scheint zu halten!

Inzwischen ist auch mein Onkel an Bord. Ich habe ihn fröhlich mit den Worten „Moin! Guck mal, wir sinken gerade“ begrüßt. Aber nun ist die Panik ja vorbei. Wir machen uns auf die Ursache für das viele Wasser. Die Welle ist dicht, da kommt nichts rein. Woher sonst? Wir vermuten, dass der Motor an irgendeiner Stelle undicht ist. Durchgerostet, oder so, und dass das Wasser Kühlwasser ist, dass er aus der Elbe in unser Boot gepumpt hat. Das hat er während des Sommers schon einmal gemacht, aber wir haben es reparieren lassen und dachten, damit wäre das Problem beseitigt. Scheint aber nicht so… Durch die lange Fahrt hat er eine ganze Menge Wasser an Bord gepumpt, aber wir haben es nicht gemerkt. Sind immer mit den Schuhen auf dem nassen Fußboden herumgestiefelt, ohne nasse Füße zu bekommen. Erst als ich Barfuss die Positionsleuchten anschalten wollte, bin ich in die Pfütze auf dem Boden getreten und hab Alarm geschlagen.

Nun entdecken wir auch den Grund für die eigenartigen Geräusche, das „Wummern“ aus der Nacht: Die Elbe war durch die Flut angestiegen und hatte unser Boot mit seiner Scheuerleiste unter den Stahlsteg gehoben – sie ist abgerissen und verbogen. Schiete… Wieder eine Arbeit mehr für den Winter!

Am nächsten Morgen in Geesthacht

Um sieben Uhr geht es dann durch die Schleuse in Geesthacht. Gleich hinter der Schleuse machen wir noch einmal kurz fest, fahren mit dem Auto die Kanister voll tanken. Manfred verlässt uns hier und fährt mit dem Auto wieder nach Hause. Mein Onkel und ich machen uns dagegen um neun wieder auf die Socken: Richtung Schiffshebewerk in Scharnebeck.

Rasenmäher am Elbe-Seiten-Kanal

Gegen zwölf Uhr erreichen wir es, melden uns über die Gegensprechanlage an und können nach einer Stunde endlich in die Kammer einfahren. Das Schiffshebewerk ist nach unseren Infos das größte der ganzen Welt! Dabei fahren die Schiffe einfach in eine Kammer ein, die geschlossen und dann wie ein Fahrstuhl 38 Meter (!) in die Höhe gehoben wird. Eine spaßige Sache!

Das Schiffshebewerk Scharnebeck von außen...

...innen...

...und oben!

Von dort aus geht es wieder mit Höchstgeschwindigkeit zur Schleuse Uelzen. Während der ganzen weiteren Tour müssen wir regelmäßig, etwa jede Stunde, einmal die Bilge auspumpen, denn immer noch fließt eine ganze Menge Wasser nach. In der Schleuse Uelzen werden wir noch mal 26 Meter hochgeschleust und sind dann endlich auf der Höhe, auf der wir bis nach Wolfsburg gelangen werden. Nach weiteren Stunden Vollgasfahrt erreichen wir Calberlah, einen kleinen Ort mit Yachthafen vor den Toren Wolfsburgs, gegen 23.30 Uhr und machen dort die Leinen fest. Geschafft. Der Törn ist vorbei.

Die Schleuse Uelzen

Manfred hat in der Zwischenzeit einen Schlüssel für das Gelände organisiert und empfängt uns dort. Wir entladen nur noch das nötigste, unsere Klamotten und alles wertvolle, wie die Rettungsinsel, eine Seenotfunkboje (Epirb) und das GPS. Bevor wir uns auf den Weg nach Hause machen, lässt es sich Manfred aber nicht nehmen, zum Abschluss eine kleine Runde durch das Hafenbecken zu schwimmen! Beim Ausladen meiner Reisetasche verliert er auf dem schmalen Seitensteg das Gleichgewicht und klatscht in die moderige Brühe. Na lecker! Was für ein Abschluss… ;-)

Mittlerweile sind seit unserer Ankunft drei Tage vergangen. Die Maverick liegt immer noch in Calberlah im Wasser, macht jedoch glücklicherweise kein Wasser mehr. Gleich am Dienstag bin ich in einer Freistunde noch mal an Bord gewesen und habe gepumpt, aber sie scheint dicht zu sein. Am Wochenende oder spätestens nächste Woche werden wir sie dann im Fallersleber Hafen aus dem Wasser holen und damit endet dann auch für uns die Saison. Wie immer ein wenig später als bei den anderen Seglern.

Schon in den letzten Jahren habe ich das Saisonende ein wenig verlängert und bin in 2002 in einer Woche alleine mit unserer Shark von der Müritz in Mecklenburg nach Wolfsburg gefahren. Ein Jahr später folgte ein "Törn im Schutz der Hafenmauer". Nun liegt ein weiteres Herbstabenteuer zurück und es hat sich wieder so richtig gelohnt! Denn obwohl der Herbst doch eigentlich kalt und grau ist, übt er doch immer wieder einen gewissen Reiz aus: Die Häfen sind leer, man hat seine Ruhe und auch das Segeln dick in Ölzeug eingepackt mit einer Thermoskanne im Cockpit kann sehr reizvoll sein…
Trotz einiger Probleme und Entbehrungen (…eine Heizung wäre ganz nett gewesen und auch ein Radar – obwohl es ein ganz schöner Luxus ist – ist doch eine feine Sache bei Nacht und vor allem im pottendichten Nebel) war es doch wieder ein tolles Erlebnis und wir freuen uns schon auf den nächsten Törn im neuen Jahr!

Johannes Erdmann, am 4. Nov. 2004