Windiges Segel-Solo von Heiner Möller
12.9. - 17.9.2004 Rostock - Guldborgsund - Rostock
Vor-Worte
„Die Shark ist wie geschaffen für die Ostsee. Das Segeln dieses Bootes in einem Binnenrevier kommt einer Vergewaltigung nahe!“ So tönte mein euphorisch eingestimmter Partner und Freund Martin an jenem Tag, als wir unterwegs waren, um den georderten neuen Mast zu stellen. Nur wenige Tage zuvor waren auf der Müritz vier Sharkmasten dem weltmeisterschaftlichen Regattafieber zum Opfer gefallen, wurden sogleich ersetzt und das für die Ostsee bestimmte Rigg konnte seine Reise nur süd-wärts fortsetzen - nichts mit weiter Welt und Freiheit auf dem Meer. Nichts mit Probeschlag, wir hatten 750 km Autofahrt nahezu umsonst geleistet. Und was bedeutet ein Logbucheintrag unter blankem Deck?
Saison
Etliche Wochen später, es ist bereits September, mein erster richtiger Segeltag in diesem Jahr... Der Wind hatte zugelegt, umöglich das weiterhin zu tolerieren. Die anfänglichen 4, hatten sich zu stattlichen 5 Bft. aufgebaut. Die Dünung schaffte es teilweise bis über 1,5 Meter Höhe. Die Schaum-kronen waren aufgeblüht wie der Löwenzahn im Mai und die Shark fing an sich auszutoben aus dem gemächlichen Verhalten im Bereich der ersten 10 Meilen war ein, mich forderndes, forsches Segeln geworden. Alle Strecker waren bis zum Anschlag durchgesetzt, der Ruderdruck flößte Respekt ein. Wir liefen mit ordentlichem Speed auf die dänische Südküste zu. Über Lolland zeigten sich markante Wolkenformationen. Und ich, unsicher wie dieses Bild zu deuten war, ließ mich daher auf das Abenteuer eines Vorsegelwechsels ein.
Um arbeiten zu können, arretierte ich die Pinne sobald „Fibula“ selbständig am Wind segelte. Diese von mir sehr geschätzte Eigenschaft stellte sich ein, obwohl die Bewegungen des Schiffes sich drastisch verändert hatten. Aus dem weichen Halbwind-Geschlingere war ein ruppiges Auf -und Ab geworden. Doch das Abschlagen der großen Fock verlief als kurzes, unkompliziertes Manöver. Lediglich der Balanceakt auf dem Weg zurück, mit nur einem freien Arm war etwas aufregend. Die Seebeine waren eben noch nicht vollständig wieder hergestellt. Zudem gebärdete sich die Rettungsleine mehr wie eine Hinderungsleine. Aber ganz wichtig: die Shark hielt Kurs. Die Gelegenheit war günstig, ich kramte die Gastlandflagge hervor.
Dem Gastland Respekt zu zollen, wenn schon nichts mehr verzollt wird, ist für mich eine seemännische Ehrensache. Eine Pflicht, die ich auch heute nicht vernachlässigen wollte. Machte mich also an jener dünnen Leine zu schaffen, die am Mast etwas nachlässig eingeschoren war. Dieses Gefummel lässt sich nur vergleichen mit der Mühsal des Einfädelns eines Fadens in das Öhr einer Nadel. War es Seekrankheit oder Trance? Es bedurfte mehrmaligen Probierens, bis ich die richtigen Knoten wieder drauf hatte. Wäre das wo anders nicht weiter aufregend gewesen, hier, auf diesem Galopp tanzenden Kahn, der mich zwang, beide Hände zum Festhalten einzusetzen, war es eine andere Geschichte. Kurz gefaßt: Der Danebrok stieg zur Saling empor und ich konnte meine Arbeitskraft wieder dem Segelsetzen zuwenden. Diesmal wurde kräftig geduscht. Einmal von oben, einer sich brechenden Schaumkrone zu verdanken und einmal von unten, weil sich der Bug einmal mehr und der Belastung meines Körpergewichts wegen zu tief in die Welle bohrte. Ich hatte alle Hände voll zu tun, mei-nen Körper an Deck zu halten und den Schäkel nicht aus der Hand gleiten zu lassen, denn schließlich sollte das Segel bald stehen. Nur noch eben die Holepunkte weiter nach vorn schieben. Dummerweise hatte die Schot nicht genug Lose, so daß ich sie nicht gleich mit dem neuen Segel verbinden konnte. Also, die „Hinderungsleine“ wieder nach achtern geschleppt, dann nach Lee gehangelt, auf die Luvkante zurück und wieder zum Bug balanciert, Schot anbinden, Mensch nach achtern, Fall holen, dicht die Schot, Abfallen...
Das Manöver hat bestimmt nicht zu lange gedauert, vielleicht war es sogar eine relativ gute Zeit, in der alles erledigt war. Aber diese Minuten waren so intensiv, fühlten sich eher an wie eine Stunde, als 10 mal 60 Sekunden, die es möglicherweise tatsächlich waren - ich weiß es nicht. Der Gedanke, die Zeit zu stoppen, auch wenn er mir am Start dieser Aktion gekommen wäre, ich hätte ihn ignoriert. Es interessierte mich lediglich das Machen im Augenblick, nicht einmal die Entwicklung des Wellenbildes, die Wirkung des Windes auf mich oder seinen Einfluß auf den Kränkungswinkel des Bootes. Dessen Kursstabilität konnte ich vertrauen, das hat es oft genug bewiesen. Kontrollierte dies rein physisch, ohne einen tatsächlichen Augenblick darauf zu verschwenden. Was galt, war einzig die Arbeit schnell und sicher, ohne Angst zu erledigen. Und nicht nachzulassen, wenn sich ab und zu der Zustand von Schwerelosigkeit einstellt, der Bugkorb plötzlich zur letzten rettenden Stütze wird, die tastende Stiefelsohle keinen Halt findet, an der entsetzlich sauber gerundeten Teakleiste, am Rande des Decks...
Sonntag 11.00 Uhr, Ankunft in Rostock. Komme aus Danneberg, habe dort eine halbe Nacht lang gegeigt, Swing-Musik gemacht für das City-Fest. Bin also ziemlich k.o. und unausgeschlafen. Es folgt das Übliche: Auto aus- und Boot einräumen. Dann ein erster kurzer 5-Meilen-Schlag zu meinem Stamm-Ankerplatz, unweit von Warnemünde. Es segelt sich schlecht, wahrscheinlich sind Unmengen von Muscheln am Kiel gewachsen...
Montag 13.00 Uhr, Anlegemanöver in Warnemünde. Noch sind alle Fasern trocken, aber ich ärgere mich über mich selbst. Dummerweise muß ich wegen meiner Vergeßlichkeit noch einmal an Land: der Kocher ist absolut ausgetrocknet. Darum laufe ich durch Menschenmengen und schlingere durch den Supermarkt um Spiritus zu besorgen, denn ohne „Dampf (aus dem Teekessel) keine Leistung“. Eigentlich hätte ich mir gewünscht, zu diesem Zeitpunkt schon auf halbem Wege nach Fehmarn zu sein, um morgen bei Äro zu ankern. Abgesehen von dem zuviel angesagtem Wind, eine reichlich naive Vorstellung. Zu sehr bedurfte ich der Erholung vom Leben an Land. Auch waren die an Bord zu erledigenden Arbeiten einfach zu mannigfaltig, als daß ich sie alle an einem Nachmittag hätte erledigen können. Zum Muscheln abkratzen (was dringend notwendig war), konnte ich mich erst heute Vormittag aufraffen, mein körperliches Wärmeempfinden ließ einfach keinen früheren Zeitpunkt zu.
Nach Ablegen von der Pier des Yachtclubs, stelle ich (zum zweiten Mal) fest, daß ich mich erst wieder auf das Segeln an sich einstellen muß und der neue Mast mit der neuen Fallenführung tatsächlich neu ist. Das ehedem einfache Setzen des Großsegels ist auf einmal ein komplizierter Akt geworden. Das Boot dreht in Wind und Strömung Kreise und Pirouetten, ohne daß ich dem ein schnelles Ende setzen kann. Es ist mir wahrhaftig peinlich und ich bin erleichtert, als die Schoten endlich dicht geholt sind.
Nach diesem Stimmungsdämpfer mache ich aus der Not meiner offenkundigen Seeuntüchtigkeit eine Tugend. Gehe auf Südkurs, verschmähe die schon sichtbare, in einer halben Meile Entfernung lokkende See und kreuze gegen den frischen Südwest und seinen für die Gegend typischen, kräftigen Böen die Warnow wieder hoch, bis ich den geeigneten Ankerplatz für diese Nacht gefunden habe. Eine mühselige, aber lehrreiche Übungseinheit, ich braucht tatsächlich eine Stunde, bis mir die erste Musterwende gelingt, Wendewinkel 90°.
Dienstag 6.30 Uhr, der zweite Tagesanbruch, den ich dieses Jahr auf dem Wasser erlebe. Aufgang der hellen Sonne über dem Fluß, Frühstück und Vorbereitungen zum Ankerlichten. Ich denke nicht weiter über den angesagten Wind (um 6 Bft.) nach. Rein statistisch bin ich bisher immer mit solchen Werten zurechtgekommen: kein Grund in Sicht, der das Scheitern androht. Der Plan sieht vor, mich nur in meinem Heimatrevier zu bewegen, die Ortskenntnis stimuliert zusätzliche Gelassenheit. Bis ich eben doch auf diesem verdammt schmalen und in die Wellen tauchenden Bug den Schäkel verfluch-te, der das Vorsegel am Beschlag festhält und sich doch nicht so leicht wie gewohnt öffnen lassen will.
Im Guldborgsund zwischen Falster und Lolland öffnet sich im südlichen Drittel eine Bucht namens Bredninge, die an ihrem Südufer hohen Waldbestand aufweist. Diesen altbekannten Ort hatte ich für meinen Anker angepeilt, freute mich bei Gedanken an den bevorstehenden Abend und fühle mit 40 gesegelten Meilen im Kielwasser stille Zufriedenheit bei der Ankunft. Im Tagesausklang schallt der Vogellärm aus den nahen Buchenwipfeln und dem schmalen Schilfgürtel herüber, die Wolkenbilder zeigen sich mit leuchtender Aura. Was die Sonnenstahlen treffen, wird mit warmen Gold überzogen, Friede breitet sich aus in der Natur. Ich sitze so lange draußen, wie es erträglich ist und stoße mit der Rotweinflasche an, auf den morgigen Urlaubstag, der möglichst arbeitsfrei sein soll.
Dieser „arbeitsfreie“ Tag beginnt lange vor Sonnenaufgang mit dem Überstreifen von Ölhose und Gummistiefeln. Die Situation zeigt eine Nuance zuviel Spannung, jedenfalls für meinen Geschmack. Dem war ein verheißungsvoller Wetterbericht vorausgegangen, mit besorgtem Unterton für die nächsten 24 Stunden Sturm ankündigend nebst Winddrehung auf Nordwest. Damit hatte ich ein Problem und schlimmer noch: Ich hatte keine Lösung dafür. Aber, so dachte ich, „lege dich erst einmal schlafen, stehe früh auf, der Rest wird sich ergeben“. Das ich 24 Stunden später in einer absolut euphorischen Stimmung sein würde, konnte ich in diesem Moment natürlich nicht annehmen, schon gar nicht, als sich zeitgleich mit dem Zurechtrücken meines Kopfkissens eine Bö auf das Boot stürzte. Dann noch eine. Mehrere Minuten lang überschlug sich die Vibration des Mastes zu einem lauten Gewummer. Das Gerüttel ging durch das ganze Schiff und alle meine Knochen. Deutlich konnte ich das Schwoinen spüren und die plötzlichen Kränkungen, wenn der Wind seitlich auf den Mast traf. Dabei hatte ich den Großbaum schon zur Gänze abgefiert. Wir lagen etwa 500 Meter vom Ufer entfernt, der Wald ist dort hoch und dicht. Was war das wohl für ein Wind, der hier in diesem „Schutzbereich“ solche Wirkung zeigte? Ich hatte keine Ahnung, das Barometer war gar nicht so drastisch gefallen, an der untergehenden Sonne hatte ich auch kein Alarmzeichen ausmachen können.
Nicht möglich zu sagen, ob und wann ich eingeschlafen bin, sicher immer mal zwischen den Schlägen des Windes, bis ich neuerlich von diesem heftigen Gerüttel erwache und das Gefühl nicht mehr loswerde, etwas tun zu müssen. „Müssen“, die Wirkung dieses Wortes wiegt schwerer als meine Augenlieder.
Mittwoch 3.00 Uhr. Ich greife den Zweitanker und begebe mich aufs Vorschiff. Es faucht, zumindest phasenweise. Die unruhigen Begleiter des eigentlich akzeptabel Windes treiben den Kräuselwellen weiße Zornesfalten auf die Stirnen, lassen sie zischend am Rumpf vorbeieilen.
Nach einmaligem Fehlversuch beschließe ich den Ankerhalt als fest und greifend anzusehen, wohl wissend, daß der Hauptanker hier schon seine Zuverlässigkeit bewiesen hat und mein Draggen wegen des dichten Krautbewuchses auf diesem Grund, nur als konstruierter Versager gelten kann. Aber Aktion ist beruhigend, ich schlafe besser und länger als gedacht, oder es ist einfach nur die Müdigkeit, die das Aufstehen erschwert. Jedenfalls dauert es bis 11.30 Uhr, das ich beim Aufnehmen der aktuellen Wetterdaten endlich beschlußfähig werde. Aufbruch jetzt! Kurs Warnemünde, bevor ich Gefahr laufe, von dem vermutlich bald einsetzenden Weststurm auf das allseits steinige Ufer gedrückt zu werden. Ich fälle die Entscheidung für das kalkulierbare Risiko, halte nichts von der ungewissen Gefahr des Ausharrens oder der zermürbenden Suche nach einem Alternativ-Platz. Lieber heute die südwestlichen 7-8 westdrehend, als die für morgen sicher geltenden 8 Windstärken aus Nordwest, die Schauerböen wird es morgen genauso wie heute geben. Lieber in diesem Moment Selbstüberwindung leisten, als morgen vielleicht zum Getriebenen und Gejagten degradiert werden. Sofort reagiert mein Körper, die anfängliche Agonie weicht Konzentration und Behändigkeit. Ich arbeite ruhig alle Aufgaben ab, die für das Gelingen dieses Törns notwendig sind, finde dabei noch Freiraum, das Ankermanöver zu durchdenken. Kein Einfaches eben, der heftigen Böen wegen und des schwierig zu setzenden Großsegels. Für etwaige Probleme beim Holen des Ankers, installiere ich am Bug die sogenannte „Eimerbremse“, kalkulierend, daß die mir etwas mehr Zeit verschafft, zum Wegstauen des Ankergeschirrs und eben für klärende Maßnamen, wenn sich das Boot auf den falschen Bug legen sollte, oder sich einen anderen Scherz erlaubte, für den ich heute nichts übrig hätte.
Einen Wind dieser Intensität hatte ich schon einmal erlebt, aber nur an einer Schot arbeitend, das Großsegel gut eingebundenen und mit reichlich Freiraum zum Steuern. Heute aber muß ich ein strekkenweise sehr enges Fahrwasser aufkreuzen, mit mindestens zwei Knoten Strom ist dabei zu rechnen. Außerdem fehlt fast ein halber Meter Wasser, was die Flächen noch mehr einengt, als es die stattliche Anzahl von Netzen ohnehin schon tut, eine Aussicht, die Nervosität aufkommen läßt.
13.00 Uhr, der Anker ist auf Kurzstag gehievt. Die Geräusche in der Luft sind widerlich, noch mehr ist es der Anblick der zerzausten Wasserfläche. Gleichwohl: es ist eine herrliche und klare Luft, die jeden Atemzug zur Freude macht, ebenso, wie die den Augen geboten Lichtspiele, von schnell wandernden Wolkenbänken auf die Landschaft projiziert. Das alles zu ignorieren, um aktiv werden zu können, ist schon eine Aufgabe für sich. Da hilft nur am Vorsatz festzuhalten und Machen...
Also, Machen und das eigens angeschaffte, seit zwei Jahren schon wartende Sturmsegel endlich zum Einsatz bringen. Mit seinem lediglich 1,2 qm großen, hochgeschnitten Profil, nimmt es sich wie ein halbiertes Taschentuch aus. Es soll heute zu meinem Heimbringer werden. Zwar müßte der Holepunkt, anders als die Schiene es erlaubt, vorlicher und etwas weiter innen liegen, aber das muß jetzt so gehen. Und es geht! Gut sogar, wenn der Trimm fein genug abgestimmt ist. Es klingt in manchem Ohr vielleicht pedantisch, aber es war im Wortsinne notwendig, dass ich mich wegen einer knappen Daumenbreite mehr oder weniger, hinunter auf die Leeseite beugte, egal ob die Böe gerade zupackte und grünes Wasser über das Süllbord fegte, um eben genau diese Millimeterarbeit an der Schot zu verrichten, die jedoch ausmachte, ob das Boot besser oder schlechter segelte, die Tonne sauber passiert wurde, oder die Geschwindigkeit des Bootes die Strömung im Wasser nicht mehr ausgleichen konnte und ein Wiederholungsgang fällig wurde.
Ein solcher wurde nicht nötig. Ich danke meiner auf der Warnow eingeschobenen Trainingseinheit und fuhr mit einer fein abgezirkelten Armlänge Abstand an rotem Stahl vorbei.Da liegt sie, schön und achter aus, die engste Problemzone dieses Fahrwassers. Die reinste Schikane, in diese wunderbare Landschaft solche Düsen einzubauen und obendrein noch tonnenweise Steine zu verstreuen!
Der Wind bleibt unstet, der Wendewinkel pendelt um 110°. Die Shark boxt sich durch die kurze Welle, die mich mehrmals überschüttet. Und nicht vergessen Ausschau zu halten! Mit tränenden Augen gegen Wind und Sonne nach den dünnen, winzigen Stangen mit den strichartig ausgewehten roten Stofflappen zu suchen und, weil diese auf der wilden See nahezu unsichtbar sind, im letzten Moment für das Fischernetz schwer erkämpfte Meter aufgeben - das ist wahrlich hartes Brot.
2 Stunden nach Wegstauen des Ankers, bin ich aus dem engen Fahrwasser heraus, es öffnet sich die Bucht. Das im Westen flache Ufer gibt den Blick frei, frei auf eine finster und gefährlich aussehende Wolke. In meinem Ohr hallt plötzlich ein Echo wider, die Betonung auf dem Attribut lastend: schwere Schauerböen. Etwa 3 Meilen voraus, vor dem Wind ablaufend, ist eine größere Yacht auf der Flucht, versucht noch vor Eintreffen der Bö den Hafen von Gedser zu erreichen. Frei von dieser Alternative, befinde ich mich hingegen ungemütlich dicht an der hohen Lee-Küste und muß mich der drohenden Gewalt stellen. Wende. Nehme den Motor zu Hilfe, um schneller Abstand zu gewinnen. Ein paar Minuten, nachdem ich das Großsegel geborgen habe, eine neue Premiere: die erste Schauerbö, die auf der Shark über mich kommt. Schlagartig, zeitgleich mit dem Kränken des Bootes, ist die Welt klein und grau, Grau in tausend Nuancen: Der Regen jagt in silbrigen Fäden schräg durch die Luft, drückt sich mit Hagel vermischt wie tausend Stecknadeln in meine Haut, prasselt auf dem Ölzeug, sprenkelt die aufgestiegenen Wasserberge, raubt den Wellen die weißen Kämme und drückt sie alsbald nieder.
Schon Minuten später ist die Sicht wieder klar. Unklar bleibt, ob ich mit einer Zugabe rechnen muß. Die bleibt vorerst aus, daher zerre ich das Großsegel wieder am Mast empor. Zweites Reff wie gehabt, obwohl jetzt etwas zu klein. Die Warnungen hallen nach, und mein Respekt vor dem Wetter läßt keinen weiteren Übermut zu, als diesen: überhaupt gestartet zu sein, hier und jetzt zu segeln. Mit Ausdauer kämpfe ich mich zur westlich gelegenen Rinne vor, welche durch die Sandbänke führt. Es ist ein schwerer Weg und länger zudem, wenn ich die Option Gedser bedenke. Aber bei Gedser strömt es bei Südwest bis West gegen den Wind. Einst erklomm ich dort den höchsten „Gipfel“ meiner Seglerkarriere. Einer Formation aus drei steilen Wellen, jede etwa drei Meter hoch und so kurz aufeinanderfolgend, daß die Sekunden der Konfrontation atemraubend waren. Heute herrscht die gleiche Windrichtung, nur um ein sattes Bft. kräftiger. Ich müßte schon ausreffen, um gegen so einen Angriff, der sicher noch Steigerungspotential freigelegt hat, wenigstens eine kleine Chance zu haben, wodurch sich aber wiederum andere Risiken ergeben...
Sich meinem Respekt also fügend, ackert das Schiffchen wie ein stolpernder Esel durch die ohne erkennbares System anlaufenden Wellen. Das gegen uns strömende Wasser ist trübe und schmutzig von dem in Unmengen aufgewühltem Treibsand, einem in Bewegung geratenen Acker durchaus nicht unähnlich. Resultat? Für 5 Meilen (Luftlinie) benötige ich geschlagene 2 Stunden, bis es soweit ist: die rot-weiß-gestreifte Tonne ist passiert! 17.00 Uhr, endlich habe ich freies, klares Wasser vor dem Bug! Und klare Sicht, in ca. 25 Meilen Entfernung sehe ich wie ein abgeschnittenes Ausrufezeichen die Kühlturmfahne des Rostocker Kohlekraftwerkes über der Kimm stehen.
Aber der Wind - hat sich der Geselle ausgetobt? Die erste entgegenkommende, sich groß und mächtig präsentierende Welle, zeigt noch Ehrfurcht gebietenden, dunklen „Feinripp“ auf ihrer gesamten Länge und Höhe. Aber nach und nach flaut es ab. Die Situation macht den „üblichen“ Eindruck: enormer Druck bei den Inseln, abflauend über der See. Es ist nicht gerade so, daß ich darauf gewettet hätte, aber ein wenig hatte ich schon auf diese Beruhigung spekuliert. Obwohl, andererseits muß ich zugeben, daß der Wind mich doch enttäuscht hat. Ob er einige Meilen vor Warnemünde wieder auf-frischt? Hier sind es wohl gerade noch 6 Punkte auf der Baufortskala, die geboten werden, zu wenig, um die Shark aus der Reserve zu locken. Die Angelegenheit hat sehr an Gemütlichkeit gewonnen. Nur in den Böen erreichen wir Rumpfgeschwindigkeit, die „Orkanbesegelung“ ist zur Bremse geworden. Was also tun? Einerseits drohen immer mal wieder Regenwolken mit ihrem Angriff und anderer-seits reicht die Fahrt im Schiff aus, um locker über die Wellen zu steigen. Außerdem ist das „Kino“ um mich herum an Farbenpracht nicht zu übertreffen. Wunderschön die Dünung, dunkelgrün und sanftmütig, leider stark zerfurcht von den großen Pötten, die hier in großer Zahl aneinander vorbeifahren. Der Himmel ist bunt gescheckt, dazwischen das kleine, schlanke Boot mit leuchtenden Segeln, eines in weiß, eines in orange. Die Gischt sprüht rötlich, weil die tiefstehende Sonne den roten Rumpf trifft und ihn geradezu zum Glühen bringt. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Entspanntheit und optischem Genuß oder aufregendem und sportlichem Vorwärtskommen, was ja gleichsam bedeuten würde, diesen wunderschönen Ort, das Meer, zu fliehen. So gesehen, ist Segeln eben immer ein Kompromiß...
Als sich aber auch die dritte Schauerwolke als Reisende mit schwachem Atem herausstellt, nehme ich Abstand von meinem respektvollem Verhalten, schüttele meine ausgekühlten Knochen und rüste auf. 20.00 Uhr: Nach der obligaten, akrobatischen Einlage, steigt am Vorstag die 4-qm-Fock empor. Die Wirkung ist verblüffend. Geradezu ruckartig überschreitet die Shark ihre Rumpfgeschwindigkeit. Wurde sie vordem noch öfters wegen ihrer Leichtigkeit von einigen Wellen wie ein Korken herumgeschubst, bricht sie sich ab sofort pfeilartig ihre Bahn, der Ruderdruck vermittelt mir ihre Lebendigkeit und Agilität. Noch 10 Meilen bis zur Moleneinfahrt. Das warnemünder Leuchtfeuer ist gut auszumachen, das letzte Tageslicht verlischt gerade. Die kurze, abrupt aus dem Schlot des auf Reede liegenden Riesenfrachters steigende Rauchwolke signalisiert wohlmöglich ein Dankeschön der 8-12-Wache für die kleine Show am Abend. Wer weiß, wie lange die dort schon liegen und warten...
Mittlerweile ist es richtig dunkel. Mit Vehemenz stürmt FIBULA unter dem nur leicht bewölkten Sternenhimmel dahin. Umkränzt von weißem Schaum, laut gurgelnd, wenn der Rumpf bis zur Scheuerleiste eingesunken ist, weil er gerade auf dem Wellenkamm „kleben geblieben“ist. Oder dann urplötzlich, den Bug frei in der Luft hängend und heftig polternd Anstalten machend, sich in die schwarze Tiefe des Wellentales zu stürzen, um vielleicht doch den Vorsteven im Wellenrücken zu vergraben Unterschneiden und Querschlagen? Bange machen gilt nicht! Wir bleiben obenauf! So sehr auch der Druck steigt, wenn die achtere Welle schiebt und das Heck in die Höhe steigt: das Boot läßt sich nicht unterkriegen. Es hinterläßt eine Gleitspur nach der anderen und sprengt Gischt wie Feuerwerk in die Gegend. Mir bleibt kaum Gelegenheit nach einem Snack zu greifen. Euphorie hat mich gepackt, läßt kaum einem anderen Gefühl Raum zur Entfaltung, als eben Begeisterung für dieses Finale. Kälte und Nässe nehme ich kaum noch war, nur das unaufhörliche Rauschen und enthemmte Dahinjagen meines Bootes. Das macht den Eindruck als wolle es den gerade einlaufenden Fähren ein Rennen lie-fern. Durch die Nacht fegend, im spitzen Winkel zum Fahrwasser, mit einer aus dieser Perspektive irritierenden Menge von blinkenden Tonnen, nähern wir uns zügig dem Ziel. (Neuankömmlingen rate ich dringend, sich besser genau am Tonnenstrich zu halten, da die Molen schwer zu identifizieren sind und man womöglich die Einfahrt verfehlt...)
Gerade jetzt müssen sie kommen! Drei Fähren wollen rein, eine will raus. Glücklicherweise wird sich beeilt, so daß mir genug Platz bleibt, um die Mitte der Einfahrt anzusteuern. Immer noch halb im Gleiten, passiere ich die Molenköpfe, die letzte Tonne liegt dicht in Luv. Grüüün! Als wolle das Licht applaudieren. Es ist genau 21.00 Uhr, meine geplante Ankunftszeit habe ich gehalten, oder anders ausgedrückt: in der letzten Stunde bin ich 10 Meilen gesegelt.
Mein Ankerlicht leuchtet und der Wind dämpft das Geräusch der Fähren, deren Lüftungsaggregate stupide vor sich hin jaulen. Ich schäle mich aus dem nassem Zeug, greife mit großer Vorsicht in die Getränkelast, um ein Bier zu angeln. Noch vor Erreichen der offenen See, hatte ich dieses Malheur bemerkt. Die mitgeführten Flaschen hatten einen Verlust erlitten. Auch eine Premiere: Scherben an Bord vom Segeln, teilweise sauber zu Mehl gemahlen.
Ob morgen tatsächlich stürmisches Pfeifen die Luft erfüllt? Ich liege hier geschützt und sicher, sosehr, daß ich mich anderntags nicht getraue, eine verbindliche Windangabe zu leisten und hole stur meinen Urlaubstag nach. Donnerstag. Ich leiste mir den Luxus von Takelarbeiten. Obwohl der Entschluß das Boot zu verkaufen feststeht, kann ich mich nicht zurückhalten, kurz vor der Trennung wenigstens noch die wichtigsten Fallen an den Enden neu zu takeln. Die schnell zu machenden Presshülsen aus Aluminium an den werkstattmäßig eingezogenen neuen Fallen stören mein ästhetisches Empfinden. Auch für die Probleme beim Großsegelsetzen finde ich die Lösung. Die so erlangte Genugtuung war mir durchaus ein paar Stunden konzentrierter Arbeit wert.
Der letzte Nachmittag dieses Urlaubs bricht an, zumindest was die segelbare Zeit betrifft, denn in 24 Stunden schon soll der Mast an Deck liegen. Das Wetter macht einen kaiserlichen Eindruck. Drum flugs den Anker gelichtet und Segel gesetzt. In Sichtweite der See bin ich mir sicher, daß die Sturmwarnung als aufgehoben gilt und mein Vorsegel eine Nummer zu klein ist, für dieses ungeordnete Geschwappe und Gekappel der Wellen um die Mole herum.
Als eine Laser-Jolle an mir vorbeizieht, halte ich das darum für hinnehmbar, hat schließlich keinen solchen gußeisernen Klumpfuß mit sich herum zu schleppen. Daß mir aber ein anderer Einhandsegler, von Backbord kommend, die schotführende Steuerbordseite seiner größeren, modern gestylten Yacht zum „Stevenkuß“ anbieten will, weckt meinen Sportsgeist. Ich wende vor ihm auf seine Leeseite, kreuze dann seinen Kurs und schenke ihm, weil der Held nicht aus dem Knick kommt, nach der nächsten Wende reichlich Höhe, denn offenbar hat er die Genua zwischendurch etwas eingerollt. Es half ihm nichts. Die Shark setzt sich als Windschattenspender ein und segelt schließlich weit voraus. Wenn er wüßte, daß ich garantiert dreimal so viel Muscheln am Kiel zu kleben habe, er hätte wohl „die Schot glatt durchgebissen“.
Mein Kurs zurück wird stilles, schönes Abendsegeln. Insgesamt sind es 10 kurze Meilen, endend in einer Flaute, Maschinenfahrt auf den letzten Kabellängen zu meinem Stamm-Anker-Liegeplatz.
Freitag. Am Morgen vor dem Auskranen bescheint die Sonne eine blau glitzernde Wasserfläche, gleichmäßig gekräuselt von sanftem, aus Südwest kommenden Wind. Genua-Kreuzen vom Feinsten bis in den rostocker Stadthafen, wo nach den letzten 5 Meilen das Groß auf den Baum gleitet, das Vorsegel niedergeholt wird, ich die Shark an der Pier festmache, ausräume, den Mast lege und sie begleite auf ihrer Luftreise in den Trockenliegeplatz.
Nach-Worte
Dieser hier etwas verfeinert wiedergegebene Logbucheintrag reflektiert meine zuletzt gesegelten 106 Seemeilen auf der FIBULA. Eine eher kurze Distance, entlang der Linie eines früher oft wiederholten Wochenendtörns, auf der für dieses Mal aber so viel Spannung und Aktion bereitgehalten wurden, daß ich das Erlebte als Krönung einer sieben Jahre andauernden Beziehung zwischen mir und diesem Schiff ansehe. Eine Belohnung für stetes, zähes Mühen um Sicherheit im Umgang mit Boot und Elementen, würdiges Finale eines letzten gemeinsamen Abenteuers, obwohl es als Ganzes betrachtet bestimmt kritikwürdig ist. Der gute Ausgang könnte auch als eine Bestätigung des Wortes vom „Glück des Tüchtigen“ gelten, jedoch gab es keine Situation, die „Glück“ erforderlich machte. Grundlage für das Gelingen war „gegenseitiges“ Vertrauen, konzentrierte Gelassenheit und Ruhe an Bord, als auch eine gute Vorbereitung, wozu ich nicht zuletzt die vollwertige Verpflegung zähle, die selbst in der Shark-Kombüse ohne weiteres machbar ist. Mit dem Hinweis auf „Glück“ möchte ich niemanden dazu verleiten, sich unsicherer Weise zu einem vergleichbaren Schritt zu entschließen, um es vielleicht vergeblich herauszufordern. Meinem Erleben nach zu urteilen, ist aber die Shark sicher und stark genug, um zu bestehen. Sie zeigte mir deutlich noch vorhandenes Reservepotential und am Ende ist sie vielleicht doch stärker als ihre Besatzung.